Oskar Kokoschka, Rosen und Iris, 1972
Oskar Kokoschka
«Rosen und Iris»
Aquarell ; 1972 ; 66 x 48 cm
Signiert und datiert
Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Aquarelle von Dr. Alfred Weidinger
Provenienz:
Atelier des Künstlers; Galerie Wolfsberg, Zürich; Dr. Schegg, Galerie Schloß Breitenstein, Widnau; Privatsammlung Schweiz
Ausstellung:
"Meisterwerke des Expressionismus", 9. Oktober 2011 - 1. März 2012, Galerie Ludorff, Düsseldorf
Literatur:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2009", Kat. 127, 108, Düsseldorf, 2009
Der 1886 im österreichischen Pöchlarn geborene Maler und Schriftsteller Oskar Kokoschka zählt zu den zentralen Figuren des Expressionismus und nimmt doch zugleich eine Sonderstellung innerhalb dieser Gruppierung ein: Geprägt durch das Wiener Fin de Siècle sieht sich Kokoschka mit anderen kunsttheoretischen Fragestellungen konfrontiert als seine Künstlerkollegen der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“. Weniger steht eine Abstraktion der Form und die Betonung des Eigenwerts der Farbe bei Kokoschka im Vordergrund. Seine Kunst besticht vielmehr vor allem durch eine inhaltliche Tiefe. Mit großer Sensibilität gelangt Kokoschka zuerst im Genre der Portraitmalerei zu der für ihn typischen feinnervigen, expressionistischen Ausdrucksweise.1) „Er vertrat zeitlebens kompromißlos die Überzeugung, daß nur das Erlebnis des Einzelnen und der Reflex dieses Erlebnisses im Bild oder im Wort ein Kunstwerk entstehen lasse.“2) Obgleich sein bevorzugtes Motiv der Mensch ist, so verschließt sich der Künstler doch nie vor den Sinneseindrücken seiner Umgebung und der Natur. Seine ausgeprägte Reiselust, die ihn in zahlreiche Länder der Welt führt, ist belegt durch eindrucksvolle Landschaftsdarstellungen. Von einer erhöhten weitwinkligen Perspektive reflektiert Kokoschka das Gesehene und reiht sich hiermit in das Erbe etwa Albrecht Dürers oder barocker Deckenmalerei ein.3) Die Rückbesinnung auf alte Meister ist eine weitere Besonderheit der Kunst Kokoschkas – „ein für den jede kunstgeschichtliche Tradition ablehnenden Expressionismus einzigartiger Vorgang.“4)
Neben den Landschaftspanoramen, die eine erhabene Umwelt spiegeln, fokussiert Kokoschka aber auch die Intimität der Natur. Vor allem während seiner Zeit im Exil – der von den Nationalsozialisten verfemte Künstler flieht 1938 nach London – thematisiert er oft florale Motive. Während seiner Reisen nach Schottland seit 1943 ist Kokoschkas stetiger Begleiter ein Skizzenbuch, in dem er meist mit Farbstiften das Momenthafte der Natur konserviert. Die während des Zweiten Weltkrieges entstandenen Naturaufnahmen bieten dem Künstler vor allem für sein Spätwerk, in das auch unser schönes Aquarell „Rosen und Iris“ einzuordnen ist, einen großen Fundus an Inspirationen.
Besonders eindrucksvoll geben seine Blumenaquarelle Zeugnis davon, wie sehr Kokoschka das zeichnerische Element gegenüber dem malerischen bevorzugt. Sie zeigen außerdem seine Vorliebe für die Verwendung reiner Farben. Bei seinem 1972 entstandenen Aquarell „Rosen und Iris“ rückt der Künstler die locker zusammengebundenen Blumen in den Vordergrund. Der ungestaltete, helle Hintergrund negiert jegliche Örtlichkeit, so dass der Blick des Betrachters direkt auf die Pinselzeichnung der Blüten gelenkt wird. Die dynamische, züngelnde Zeichnung sowie die enorme Leuchtkraft der Farben sind demnach keine reinen dekorativen Fingerübungen: Die volle Pracht und Kraft der Natur scheint gleichzeitig wie ein Gleichnis für vollkommenes Glück und Hoffnung zu stehen. Die Rückbesinnung auf die Schönheit der Natur scheint Kokoschka in der Zeit des Zweiten Weltkrieges Kraft gegeben zu haben und daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass er auch nach seiner Umsiedlung in die Schweiz im Jahr 1953 häufig auf diesen Themenkomplex zurück greift. In Villeneuve bauen der Künstler und seine Frau Olda im gleichen Jahr ein Haus mit Atelier, wo er bis zu seinem Tod bleiben wird. Vor allem sein Garten inspiriert den Künstler zu vielen schönen Aquarellen.


Anm.:
1) Vgl.: Magdalena M. Moeller, „Kokoschka“; in: Magdalena M. Moeller (Hg.), „Expressionismus. Die große Künstlerbewegung der Moderne“, Köln 2005, S. 142.
2) Zit. nach: Heinz Spielmann, „Oskar Kokoschka“; in: Serge Sabarsky (Hg.) „Malerei des deutschen Expressionismus“, Stuttgart 1987, S. 123.
3) Zit. nach: Magdalena M. Moeller, „Kokoschka“; in: Magdalena M. Moeller (Hg.), „Expressionismus. Die große Künstlerbewegung der Moderne“, Köln 2005, S. 149.
4) Vgl. Véronique Mauron, „Werke der Oskar Kokoschka-Stiftung“, Mainz 1994, S.75.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com