Emil Nolde, Schauspielerin, 1910/11
Emil Nolde
«Schauspielerin»
Aquarell und Tusche auf Japan ; 1910/11 ; 31 x 21 cm
Signiert
Expertise: Dr. Manfred Reuther, Direktor der Stiftung Ada und Emil Nolde, Seebüll
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Emil Nolde", Düsseldorf 2010
Stadthalle Balingen, "Emil Nolde – Weltsicht, Farbe, Phantasie", Balingen 2008
Literatur:
Galerie Ludorff, "Emil Nolde", Ausst.-Kat. Nr. 130, Düsseldorf 2010
Annette Vogel/Magdalena M. Moeller (Hg.), "Emil Nolde – Weltsicht, Farbe, Phantasie", Ausst.-Kat. Stadthalle Balingen, München 2008
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen", Kat. 120, 72, Düsseldorf, 2007
Im Winter 1910/11 hält sich Emil Nolde, der seit 1905 ein Atelier in Berlin besitzt, erneut in der Metropole an der Spree auf. Hier entdeckt er das nächtliche Amüsement in der Großstadt, das ihn für kurze Zeit in seinen Bann zieht. Allabendlich durchstreift er mit seiner Frau Ada, die selber Schauspielerin ist, die Kabaretts und Kleinkunstbühnen, die öffentlichen Lokale und Nachtcafés und hält die gesammelten Eindrücke der dekadenten Vergnügungsgesellschaft mit Zeichenstift und Pinsel fest. Auch die Welt des Theaters – Berlin ist zu diesem Zeitpunkt das glanzvolle Zentrum theaterspezifischer Aktivitäten – wird für ihn zu einem wichtigen Themenkomplex. Max Reinhard, der am „Deutschen Theater“ und in den „Kammerspielen“ Regie führt und zahlreiche namhafte Schauspieler nach Berlin lockt, bringt glanzvolle Inszenierungen auf die Bühne, die auch für Nolde zu einem inspirierenden und anregenden Erlebnis werden.
„Eines Tages ging ich zu Max Reinhardt, dem großen Mann der Berliner Bühne, und fragte ihn, ob ich (mit meiner Frau) zwei Freiplätze in der vordersten Reihe, unter dem Rampenlicht erhalten könnte? Reinhardt kurz: ,Ich kenne Sie nicht. Gehen Sie morgen in die Vorstellung und zeigen Sie mir, was Sie geschaffen haben. Dann will ich entscheiden.‘“1), so beschreibt Emil Nolde die Anekdote, die ihn zu einer Reihe von Aquarellen in der Berliner Theaterszene führt. Nachdem Reinhardt der in einem kurzen, vergänglichen Moment erhaschten Aquarellzeichnungen voller Lebendigkeit gewahr wurde, stehen Nolde die Türen zu den Inszenierungen in Berlin offen. Doch nicht in den Proben am Tage, sondern während des regulären Abendspielplans greift Nolde zum Pinsel, wobei sich aufgrund der Lichtverhältnisse im dunklen Zuschauerraum Schwierigkeiten bei der Unterscheidung der Farben offenbaren. Zur Erleichterung seines ungewöhnlichen Vorhabens konstruiert Nolde für sich einen kleinen Malkasten, mit Farbtöpfen in unterschiedlicher Größe, die er in einer festgelegten Reihenfolge anordnet und somit auch im Dunkeln zuzuordnen weiß. So entstehen „zeichnend im halbdunklen Rampenlicht der Vorstellung nach den Schauspielern und den Gruppen der Bühne; ihre Bewegungen, ihre Leidenschaft, ihre Farben; hunderte Zeichnungen. Niemand mich kannte, so unauffällig als nur es möglich war, im Moment, wo der Vorhang hinunter rutschte, klappte ich meine Mappe zu“2).
Das hier vorliegende Blatt „Schauspielerin“, welches von Noldes Frau Ada betitelt ist, ist an einem dieser Winterabende 1910/11 in Berlin entstanden. Als Ganzfigur groß in den Vordergrund gestellt, wirft die zur Seite gedrehte Aktrice dem Betrachter einen scheuen Blick zu. Die Arme sind nach etwas nicht Sichtbarem – vielleicht nach einem Tanzpartner – ausgestreckt. Die sparsame Farbwahl unterstreicht neben der Körperhaltung den Eindruck des Geheimnisvollen. Im violetten, zart durchschimmernden Kleid hebt sich die Schauspielerin von dem zwischen Schwarz und Braun changierenden Kulissenvorhang ab und ist doch gleichsam in das Dunkel des Theaterraumes eingehüllt. Mit wenigen, dynamisch gesetzten Linien umreißt Nolde die Figur und verleiht ihr durch die ineinander übergehenden und lasierend aufgetragenen Farben einen Hauch von Verletzlichkeit und Rätselhaftigkeit. In der Unmittelbarkeit des Ausdruckes liegt der besondere Reiz der Darstellung, die nicht als Illustration des Bühnengeschehens verstanden sein will, sondern eine emotional durchwirkte, spontane Übertragung eines visuellen Erlebnisses auf das Papier darstellt. Das Geschehen auf der Bühne ist für Nolde ganz wortgetreu ein sinnliches Schauen des Spiels.3)

Anm.:
1) Nolde zit. in: Eberhard Roters/Magdalena M. Moeller, „Emil Nolde in Berlin 1910/11“, Berlin 1989, S. 8.
2) Emil Nolde, „Jahre der Kämpfe“, Köln 2002, S. 237f.
3) Vgl. Roters/Moeller, S. 7ff.
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