Alexej von Jawlensky, Stilleben: Rote Blumen in blauer Vase, 1935
Alexej von Jawlensky
«Stilleben: Rote Blumen in blauer Vase»
Öl auf leinenstrukturiertem Malpapier, auf Bristolkarton aufgezogen ; 1935 ; 18 x 12 cm
Signiert mit dem Monogramm und "35" datiert
Rückseitig nochmals signiert, datiert und „A. Jawlensky 1935. VIII. N 10“ bezeichnet
Provenienz:
Privatsammlung Norddeutschland
Ausstellung:
"Meisterwerke des Expressionismus", 9. Oktober 2011 - 1. März 2012, Galerie Ludorff, Düsseldorf
Literatur:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2009", Kat. 127, 108, Düsseldorf, 2009
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen", Kat. 120, 72, Düsseldorf, 2007
Maria Jawlensky/Lucia Pieroni-Jawlensky/Angelica Jawlensky, "Alexej von Jawlensky catalogue raisonné of the oil paintings vol. 3 1934-1937", München 1993
Alexej von Jawlenskys Hinwendung zur Kunst hat 1880 ein ganz konkret auslösendes Moment. Auf der Weltausstellung in Moskau nimmt der Sechzehnjährige erstmalig ein Gemälde ganz bewusst wahr. In seinen später verfassten Lebenserinnerungen beschreibt er diesen Augenblick folgendermaßen: „Meine Seele bekam eine so große Erschütterung, aus Saulus war ein Paulus geworden. Das war der Wendepunkt in meinem Leben. Seitdem war die Kunst mein Ideal, das Heiligste, nach dem sich meine Seele, mein ganzes Ich sehnte.“1) Hat er zuvor nur mit mäßigem Interesse am Zeichenunterricht teilgenommen, stürzt er sich jetzt umso mehr in künstlerische Studien. Nach dem Schulabschluss absolviert er zunächst die Militärakademie in Moskau. Nachdem Jawlensky nach St. Petersburg versetzt wird, eröffnet sich ihm die Möglichkeit, gleichzeitig auch die Kunstakademie zu besuchen. Kaum hat er seine Ausbildung dort beendet, zieht es ihn in die Ferne. In München findet er Eintritt in den Kreis um Kandinsky, mit dem er 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ gründet. Nach einem kriegsbedingten, mehrjährigen Exil in der Schweiz kehrt er 1921 nach Deutschland zurück und lässt sich in Wiesbaden nieder, wo er bis zu seinem Lebensende bleibt. Seit 1929 leidet er an einer Arthritiserkrankung, die ihn immer mehr an der Ausübung seiner künstlerischen Tätigkeit hindert, ihn zu einer ,inneren Emigration‘ in seiner Wohnung zwingt und schließlich zu einer vollständigen Lähmung seiner Hände führt. dennoch drängt es Jawlensky auch weiterhin zum künstlerischen Schaffen. Nachdem er sich zwei Jahrzehnte lang fast ausschließlich dem Menschenbildnis gewidmet hat, malt er Mitte der Dreißiger Jahre erstmals wieder eine Reihe von Blumenstillleben. Von seinem Bett aus kann der kranke Maler auf ein Fenster blicken.2)
War es zwanzig Jahre zuvor der Ausblick aus dem Fenster, nach draußen auf die Landschaft, der Jawlensky zu seinen „Variationen“ inspirierte, sind es nun die Blumen auf dem Fensterbrett davor, die er nun wiederholt zum Sujet seiner Gemälde macht. In leuchtenden Farben fängt Jawlensky in unserem Gemälde „Stilleben: Rote Blumen in blauer Vase“ ein heiteres Blumenarrangement ein. Die dahinter liegende Wand wird vom Sonnenlicht erhellt und in ein warmes Orange getaucht. Das angeschnittene Fenster zeigt ein leuchtendes Himmelblau. Der orangefarbene bzw. hellblaue Hintergrund strahlt Zuversicht aus und ist als Symbol der Hoffnung auf Genesung des von Arthritis geplagten Künstlers zu sehen. Lediglich am linken Bildrand deutet Jawlensky das Profil einer dunkelblauen Vase an, die sich bedrohlich über die gesamte Höhe des kleinen Kartons erstreckt. Im Zentrum selbst steht eine längliche, blaue Vase mit einem Strauß roter Amaryllis, daneben ein kleiner runder Krug mit gelben Wiesenblumen. Die Farbwahl ist am Naturvorbild orientiert, jedoch durch intensive Kontraste zu großer Leuchtkraft gesteigert. Jawlensky reduziert und abstrahiert die Bildgegenstände auf wenige Grundformen, die er mit einem unterbrochenen Pinselstrich konturiert. Vertikale, aufstrebende Formen bestimmen die Komposition, die durch einzelne gerundete Formen Halt bekommt. Der Eindruck des Emporstrebens wird durch das hochrechteckige Format des Bildträgers zusätzlich unterstützt.
Die Beschäftigung mit dem Stillleben und insbesondere mit Blumenmotiven ist zum einen als Ausdruck der Hoffnung zu verstehen, die er auf seinem Leidensweg Mitte der Dreißiger Jahre verspürt haben mag. Zum anderen resultiert die Auseinandersetzung mit dieser Bildgattung auch aus reiner wirtschaftlicher Notwendigkeit. 1933 wird Jawlensky mit einem Ausstellungsverbot in Deutschland belegt, seine Werke werden aus öffentlichen Sammlungen entfernt. Mehrere seiner Arbeiten werden 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Zudem wird ihm gererell untersagt, sein Alterswerk, die spirituellen Meditationen öffentlich zu zeigen. So finden diese bei seinen Zeitgenossen nur wenig Beachtung, ganz im Gegensatz zu seinen leichter zugänglichen Blumenbildern.3) „Als ich etwas Erleichterung in meinen Händen fühlte, malte ich gleich größere Bilder, nur Stillleben, meist Blumen. Sie sind sehr schön in Farben und haben großen Erfolg bei den Menschen.“4)

Anm.:
1) Alexej Jawlensky, „Lebenserinnerung“, in: Clemens Weiler, „Alexej Jawlensky, Köpfe, Gesichte, Meditationen“, Hanau 1970, S. 98f.
2) Armin Zweite (Hg.), „Alexej Jawlensky 1864 – 1941“, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1983, S. 332.
3) Ebd.
4) Jawlensky, „Lebenserinnerung“, a.a.O., S. 120.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com