Allee im Tiergarten mit Spaziergängern und Kutsche
Max Liebermann
«Allee im Tiergarten mit Spaziergängern und Kutsche»
Öl auf Malkarton ; 1922 ; 25 x 32 cm
Signiert
Aus dem ehemaligen Jagdrevier des Kurfürsten Friedrich III. entsteht im 18. Jahrhundert ein öffentlicher Park mitten im Herzen Berlins. Im Laufe der Zeit erfährt der Park einige Umgestaltungen. So verwandelt der berühmte Landschaftsgestalter Peter Joseph Lenné den Tiergarten zwischen 1833 und 1838 in einen englischen Volkspark. In unmittelbarer Nähe, direkt am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor, residiert die Familie Max Liebermanns, wie Hans Oswald in seinem Liebermann-Buch schildert: „Der Vater hatte inzwischen den damals beginnenden Zug nach Westen mitgemacht und das Haus am Pariser Platz nördlich vom Brandenburger Tor gekauft. Die Familie bewohnte aber nur das erste Stockwerk. […] Die drei Brüder – Max war gerade zwölf Jahre alt – mussten gemeinsam mit einem Zimmerchen vorlieb nehmen, das nach dem Tiergarten hinaus lag. […] So sicher war sein Glück für ihn, dass sein Vaterhaus zwei Fronten hatte: eine zum Pariser Platz, der noch nicht gärtnerisch verschmückt war, und auf ein buntes Leben durcheinanderquirlte – eine zweite zum Tiergarten. Dieser war der eigentliche Garten des Hauses. Max ging, sowie er seine vom Vater durch ein kleines Türfenster beobachtete Schularbeiten beendet hatte, hinaus in den damals noch waldartigen grünen Park, ruderte auf der Spree, machte größere Ritte – und lief Schlittschuh bei der Rousseauinsel. Diese körperlichen Übungen waren seine Leidenschaft.“1) Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kann Liebermann nicht mehr in den Sommerurlaub an die Küste Hollands fahren und konzentriert sich so zunehmend auf Landschaftsmotive in seiner unmittelbaren Umgebung. So entsteht von 1915 bis in die 1920er Jahre eine Vielzahl von Ansichten des Tiergartens und seiner Besucher.
Unser vorliegendes, besonders stimmungsvolles Gemälde zeigt die Allee im Tiergarten an einem fröhlichen, sonnendurchfluteten Herbstnachmittag. Unter dem bereits leicht verfärbten Laubdach einer Allee wandeln wohl gekleidete Spaziergänger die frisch geharkten Wege entlang. Im Zentrum des Gemäldes bewegt sich eine elegant gekleidete Dame in einigem Abstand direkt auf den Betrachter zu. In der rechten Hand trägt die Dame einen Schirm, mit dem sie sich vor der Herbstsonne zu schützen versucht. An der Linken führt sie vorsichtig ein kleines Mädchen, das artig ihr weißes Sommerkleidchen noch einmal zur Schau trägt. Bei den im Zentrum Dargestellten mag es sich um die Enkelin Liebermanns handeln, die 1917 geboren wurde und seither häufig alleine und auch mit ihrer Kinderfrau gemalt wurde.
In unmittelbarer Nähe des Betrachters befindet sich in der unteren rechten Bildecke ein Paar, das sich auf einer Parkbank niedergelassen hat und nahe aneinandergerückt angeregt zu unterhalten scheint. Auf dem Fahrweg zur Linken des Gehwegs trabt ein Einspänner mit Kutscher und Gästen in rasantem Tempo die Allee herunter.
Gekonnt fängt Liebermann mit flinkem Pinselstrich das Geschehen auf Allee, Gehweg und Parkbank ein. Die Sonnenstrahlen fallen durch das sich bewegende Laub auf den Boden und hinterlassen dort schnell changierende Lichtreflexe. Die Faszination Liebermanns für derartige Lichtspiele beschreibt ein Zeitgenosse Liebermanns wie folgt: „Wenn wir durch den Tiergarten zu seiner Wohnung gingen, er nahm den Weg stets durch eine schmale Allee von Kastanien, die er für seine Lieblingsbäume erklärte, ward er nicht müde, die verschiedenen Färbungen an den Übergängen von Licht und Schatten zu studieren.“2)
Die von Liebermann geschilderte Tiergartenszene gibt die ausgelassene Stimmung an einem warmen Tag im frühen Herbst wieder, an dem die Bürger Berlins in Scharen zu einem vielleicht letzten großen Spaziergang in den Tiergarten aufbrechen. Es ist jedoch nicht allein das fröhliche Treiben und die beschriebene Faszination für das Lichtspiel des Tiergartens. Unser Gemälde spricht vor allem von der großen Freude, die Max Liebermann für seine Familie und vor allem für seine Enkelin empfunden hat.

Anmerkungen.:
1) Hans Oswald (Hg.), „Das Liebermann-Buch“, Berlin 1930, S. 45.
2) Hancke zit. in: Bernd Küster, „Max Liebermann – Ein Malerleben“, Hamburg 1988, S. 108.
Ausführliche Informationen zum Download: Werkangaben als PDF
Mehr Informationen erhalten Sie unter: mail@ludorff.com