Ohne Titel (Kirschen)
Karin Kneffel
«Ohne Titel (Kirschen)»
Öl auf Leinwand ; 1996 ; 50 x 50 cm
Rückseitig signiert, datiert und „F XXX“ nummeriert
Provenienz:
Atelier der Künstlerin; Privatsammlung Rheinland
Austellung:
Galerie Ludorff, Düsseldorf, „Karin Kneffel“, 2010
Villa Massimo, "Karin Kneffel", Rom 1997
Literatur:
Daniel J. Schreiber (Hg.), "Karin Kneffel 1990 - 2010", Ausst.-Kat. Kunsthalle Tübingen, Ostfildern 2010
Villa Massimo, "Karin Kneffel", Rom 1997
Nachdem Karin Kneffel ihr Studium der Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Johannes Brus und Norbert Tadeusz bereits erfolgreich absolviert hat, verbringt die Künstlerin bis 1995 weitere zwei Jahre als Meisterschülerin bei Gerhard Richter. Im selben Jahr erhält Karin Kneffel eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Deutsche Nachwuchskünstler: Das Stipendium der Villa Massimo in Rom, welches es ausgewählten Deutschen Künstlern ermöglicht, für ein Jahr in großzügigen Wohn-Ateliers in Rom zu arbeiten. Preisträger dieses seit 1912 verliehenen Stipendiums waren unter anderem so bedeutende Künstler wie Felix Nussbaum (1932), Anselm Kiefer (1976) oder Thomas Demand (2003).
Ähnlich wie Richter beschäftigt sich auch Kneffel mit der Aussagekraft von Photographien, die sie in ihren Leinwänden altmeisterlich1) wiedergibt. Kneffel reproduziert jedoch niemals nur eine einzige Photographie. Sie greift stets auf mehrere Photographien aus ihrem Archiv zurück, die sie dann auf der Leinwand kompositorisch verknüpft und verfremdet.
Unser vorliegendes Gemälde zählt zu ihrer herausragenden Werkgruppe der Früchtebilder. Dargestellt ist eine aus der Nähe aufgenommene und überlebensgroß dargestellte Dolde saftig dunkelroter Kirschen, die mitsamt eines Astes und einigen Blättern farblich so fein differenziert wiedergegeben sind, dass der Betrachter sogar die einzelnen Blattadern nach verfolgen kann. Die Spiegelungen in den Rundungen der Kirschen lassen den Raum hinter dem Betrachter erahnen, und scheinen eher einem Hochglanzbild idealtypischer Werbekirschen zu entsprechen, denn der in der Toskana vorgefundenen Frucht. Ebenfalls verwunderlich ist die detailliert realistische Nahaufnahme der Frucht bei gleichzeitigem Heranholen der Landschaft im Zentrum des Gemäldes.
Auch die im Zentrum der Leinwand dargestellte Landschaft wirkt erst auf den zweiten Blick unnatürlich. Aus der grauen, unverorteten Dunkelheit treten kubische Häuser mit wenigen rechteckigen Fenstern und Satteldächern hervor. Jedoch gewähren die Fenster keinen Einblick in beleuchtete Innenräume oder auf ihre Bewohner, sondern sie sind blind, versperrt durch braune Flächen. Im unteren Drittel des Gemäldes fehlen den Häusern selbst die funktionslosen Fenster. Durch die planen Wände wird der Eindruck erzeugt, dass die Gebäude möglicherweise sogar gänzlich massiv sein können und keinem menschlichen Wesen Schutz gewähren. Insgesamt wirkt die Szenerie unbewohnt und erinnert von der Stimmung her an die häufig bis auf einige Schatten menschenleeren Szenerien Giorgio de Chiricos. Es sind jene Idealisierungen, Überzeichnungen, Spiegelungen aber auch die perspektivischen Brüche, die die Wahrnehmung des Betrachters trotz des vorgefundenen Realismus immer wieder hinterfragen.
Kneffels folgende Aussage bestärkt diesen Eindruck: „Dennoch haben meine Bilder für mich nichts mit Fotorealismus zu tun. Was ich male, gibt es auf Fotos so gar nicht. Dort finde ich nur Versatzstücke für meine Malerei, ohne die ich Einzelelemente im Bild nicht so präzise darstellen könnte, wie es mir wichtig ist. Ausgehend von diesen Vorlagen finde ich meine Motive letztendlich erst beim Malen, über einen längeren Zeitraum formen sie sich aus. In der Kunst geht es um das Erzeugen eines Zweifels, um etwas, das man selber noch nicht ganz verstanden hat. Das ist mein Antrieb. Kunstwerke erzeugen einen Haltegriff, der im Moment des Zugreifens verschwindet.“2)

Anmerkung.:

1) Leinwände werden Schicht für Schicht immer wieder grundiert und abgerieben, Farben anschließend in bis zu vier Schichten aufgetragen. Dies führt dazu, dass die Künstlerin im Jahr nur bis zu 20 Werke malt.

2) Karin Kneffel über Zweifel als Antrieb und Absurditäten des Alltags, aufgezeichnet von Manfred Engeser für www.wiwo.de/lifstyle/lug-und-trug, zit. in: Susanne Wedewer, „Blick hinter die Kulissen“, S. 4.
Mehr Informationen erhalten Sie unter: mail@ludorff.com