Rote Tulpen
Christian Rohlfs
«Rote Tulpen»
Wassertempera und Tusche auf Papier ; 1926 ; 47 x 56 cm
Signiert mit dem Monogramm und datiert
Christian Rohlfs zählt zu den wenigen Künstlern, dessen Spätwerk1) sich auch im hohen Alter noch qualitativ zu steigern vermag und sogar als Höhepunkt des gesamten Schaffens bewertet werden muss.
Unsere querformatige Arbeit „Rote Tulpen“ entsteht 1926 als der Künstler bereits 77 Jahre alt ist. Auf dem großen Blatt ist mittig eine Vase platziert, aus der leuchtend rote Tulpen mit üppigen Kelchen bis an den Rand des Papiers ragen. Die schlanken, grünen Stängel neigen sich durch das Gewicht der schweren, überdimensionierten Köpfe teilweise schon leicht zur Seite. Eine Verortung des filigranen Stilllebens im Bildraum ist kaum möglich, denn ein Tisch oder ein sonstiger Untergrund sind nicht erkennbar. Rohlfs belässt den Hintergrund bewusst im Ungewissen. Farblich greift er das Rot der Tulpen zwar auf, es dominiert jedoch das intensive Ultramarinblau, welches die Blumen noch dramatischer erscheinen lässt.
Prof. Dr. Paul Vogt, Neffe und Nachlassverwalter von Rohlfs Werk, hält dazu fest: „Rohlfs nutzte Kontraste wie Harmonien, um ihre Intensität zu steigern, er suchte ihre Klangwirkung aus ‚großen’ Tönen wie Ultramarin, Krapplack, Chromoxydgrün feurig oder Cadmiumgelb […].“2) Es handelt sich um freundliche, positive und lebensbejahende Farben, die mit einem breiten Pinsel mit groben, harten Borsten aufgetragen worden sind. Durch eine fehlende Raumzuordnung kommt es zu einer flächigeren Anlage, es ergibt sich eine gewisse Leichtigkeit, ein schwebender Zustand der Komposition. Die Grenzen der Blüten, Blätter und der Vase werden mit flinken schwarzen Tuschestrichen in dünnen Linien konturiert. Sie erzeugen Dynamik und geben dem Motiv Halt, Begrenzung und Form. Auch der Hintergrund wird durch ein rasterartiges Liniengerüst aus Tuschestrichen zusätzlich strukturiert. „Unabhängig von der […] Vorzeichnung, die auch später noch vorwiegend mit Blei ausgeführt wird, benutzte Rohlfs nach 1920 gern die Tusch-, zeitweilig auch die Rohrfeder zur Herausarbeitung oder Betonung bestimmter formaler Strukturen. Daneben kommen letztendlich alle Spielarten von der bis zur sparsam gesetzten Pinselkontur über die fertige Komposition vor. In jedem Falle erhalten die Arbeiten dadurch ein zusätzlich zeichnerisch-handschriftliches Element, das die Komposition ebenso auflockert wie dynamisiert.“3) Der bewegte schwarze Strich der Tusche durchdringt die Arbeit spürbar. Zudem lassen sich an einigen Partien, besonders in den Blütenblättern, helle Kratzspuren erkennen, die darauf hindeuten, dass Rohlfs einzelne Stellen des Papiers mit einer groben Bürste berieben hat. In einem dritten Schritt werden Partien der freigelegten Stellen in den Blüten wieder mit einer lasierenden Schicht roter Temperafarbe bedeckt. Durch das Bereiben und das hiermit einhergehende Freilegen des weißen Kartons gelingt es Rohlfs, die Körperlichkeit der Blüten zu betonen und die Leuchtkraft der Farben noch zu steigern. Besonders interessant sind auch die weißen Partien, die kommaartig den Hintergrund beleben. Sie sind nämlich nicht durch Bereibung zustandegekommen, sondern sind von Rohlfs mit weißer Kreide eingezeichnet. Womöglich ist unsere Arbeit zu einem Zeitpunkt entstanden, da Rohlfs das für sein Spätwerk so charakteristische Bereiben des Papiers gerade erst entdeckte und erst in einigen wenigen Partien des Bildes damit experimentierte.
Die „Roten Tulpen“ unterstreichen die große Eigenständigkeit des Werks von Christian Rohlfs. Obwohl er mit den damaligen Kunstströmungen vertraut war, beschreitet er stets als Einzelgänger – ähnlich wie Emil Nolde, mit dem er befreundet ist – seinen künstlerischen Weg. Von einer impressionistischen Freilichtmalerei kommend befreit sich sein Werk immer mehr von der Darstellung hin zur reinen Farbe und Form und findet so den Weg zum Expressionismus, zu dessen wesentlichen Errungenschaften das Spätwerk von Christian Rohlfs gezählt werden muss.

Anmerkungen.:

1) Paul Vogt, „Christian Rohlfs – Leben und Werk“, in: „Christian Rohlfs 1849-1938“, Ausst.-Kat. Christian Rohlfs Hypo-Kunsthalle München, Von der Heydt-Museum Wuppertal, München 1996, S. 26 teilt das Alterswerk in zwei Phasen ein: 1919-1929 und 1930-1938.

2) Ebenda, S. 23.

3) Ebenda, S. 33.
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