GALERIEKATALOGEKUENSTLERKATALOGELEISTUNGENNEWSLETTER





  Ein neuer Himmel für Hamburg
Klaus Fußmann malte ein neues Deckenbild für den Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe.
Ein Beitrag von Matthias Gretzschel erschienen im Hamburger Abendblatt am 12.7.2005

Drinnen herrscht konzentrierte Stille, nur durch die geöffneten Fenster dringt an diesem heißen Sommertag etwas Fabriklärm in die leergeräumte Halle im Gebäude 110 der Harburger Phoenix-Werke. Auf dem Fußboden ein großes Rechteck, auf dem graue, weiße und blaue Farbflächen zu sehen sind. Mehr läßt sich vor hier aus kaum erkennen. In Strümpfen steht der Maler Klaus Fußmann mitten auf der Farbfläche, die er schweigend begutachtet. Dann tritt er wieder herunter, geht zur Wand und besteigt eine dort angelehnte Aluleiter. Schon nach der vierten, fünften Sprosse nehmen die Farbflächen Gestalt an, werden zu grauen, blauen, weißen Wolkengebilden, die sich zu einem lichten Himmel fuegen.

Während Klaus Fußmann wieder auf seinem Wolkengemälde steht und mit einem langen Pinsel vorsichtig Korrekturen anbringt, erzählt Heinz Spielmann, der Vorsitzende der Elsbeth Weichmann Gesellschaft, wie es dazu kam, daß einer der bedeutendsten deutschen Landschaftsmaler der Gegenwart in einer Hamburger Fabrikhalle ein riesiges Wolkenbild malt. "Das Bild ist für die Decke des Spiegelsaals im Museum für Kunst und Gewerbe vorgesehen", sagt Spielmann, der in den 80er Jahren dort tätig war und sich damals dafür engagierte, den Spiegelsaal des Budge-Palais an der Außenalster in das Museum für Kunst und Gewerbe zu translozieren. Eigentlich hatte der prächtige, im Neorokoko gestaltete Saal im Zuge von Umbauarbeiten weggerissen werden sollen. Möglich wurde die Rettung dank der Unterstützung der Elsbeth Weichmann Gesellschaft, so daß der Saal seit 1987 einen Glanzpunkt im Museum am Steintorplatz bildet. "Aber irgend etwas fehlte diesem Raum. Wer ihn häufiger betritt, spürt schon bald, daß die große weiße Deckenfläche unfertig wirkt", sagt Museumsdirektor Wilhelm Hornbostel, der sich seit 15 Jahren um ein Deckengemälde bemüht hat: "Wir wissen zwar, daß es auch im Budge-Palais kein Plafondgemälde gegeben hat. Aber das ist erstaunlich, denn der Raum verlangt einfach danach." Nach verschiedenen vergeblichen Anläufen brachte Heinz Spielmann schließlich im letzten Jahr Klaus Fußmann ins Spiel. Der Maler war sofort interessiert, wußte aber, daß es eine schwieriger Aufgabe sein würde. Denn eine historisierende Gestaltung ohne Vorbild wäre von vornherein fragwürdig gewesen. Die Entscheidung für ein zeitgenössisches Kunstwerk im Kontext der Raumarchitektur des Neorokoko erschien aber ebenfalls riskant. Schnell wurde ihm klar, daß an dieser Stelle thematisch nur eines in Frage kommen konnte: nämlich ein Himmel.

"Man könnte hier ebensowenig schwebende Götter malen wie moderne Motive, sondern nur Wolken. Aber auch dabei muß man genau aufpassen, daß sie nicht zu dunkel und schwer werden, denn sonst fällt einem der Himmel schnell auf den Kopf", sagt Fußmann, der zunächst mit Farben experimentierte: Gelb- und Brauntöne hätten das Gold des Saals zwar aufgenommen, aber keinen überzeugenden Akzent gebildet. Also entschied er sich für ein lichtes Blau, verbunden mit Weiß- und Grautönen. Möglich wurde das Projekt dank einer sehr hohen Einzelspende. Doch auch Klaus Fußmann trug zur Finanzierung des reichlich 100 000 Euro teuren Gemäldes bei, indem er unentgeltlich Mappen mit jeweils vier Farbradierungen sowie Vorzugsexemplare mit einem zusätzlichen Aquarell schuf, die an private Förderer verkauft wurden. Mitte April konnten sich die Sponsoren bei einem Essen im Spiegelsaal bereits ein Bild von der Wirkung des Himmels bei einer Diaprojektion machen. Das Urteil war einhellig: Fußmanns lichtblaue Wolkenstimmung überzeugte.

Aber wie schafft man ein 12,50 mal 5 Meter großes Gemälde, das in 6,50 Meter Höhe angebracht wird, seine Wirkung also erst aus großer Distanz entfaltet? Nach den Farbstudien erarbeitete Fußmann einen verkleinerten Entwurf, den er mit einem Koordinatenraster versah. Nachdem die Halle in Harburg angemietet war, konnte dort auf dem Fußboden eine große Bahn aus Nessel ausgebreitet werden. "Wir haben uns für Nessel entschieden, weil es ein sehr leichtes Gewebe ist", sagt Fußmann, der dann mit seinem Assistenten daranging, den Stoff mit hauchdünnem japanischen Reispapier zu bekleben. Anschließend übertrug er das Koordinatensystem des Entwurfs und zeichnete dann mit Kohle vor, um anschließend das Bild mit Acrylfarben in Aquarelltechnik auszuführen.

"Wichtig ist, daß die Wolken einen selbstverständlichen Bewegungsablauf bilden, der dem Betrachter zufällig erscheint", sagt Fußmann und fügt lächelnd hinzu: "In Wahrheit ist hier natürlich nichts zufällig." Vor einigen Tagen, als das Himmelsbild vollendet war, wurde das Riesengemälde in mehrere Teile zernschnitten und auf große Rollen gewickelt. Nur so ließ es sich an den Steintorplatz transportieren. Inzwischen hatten Handwerker im Spiegelsaal, der während der Sommermonate für die Öffentlichkeit gesperrt ist, ein Gerüst aufgebaut, von dem aus die einzelnen Bahnen jetzt nach und nach an der Decke angebracht werden.

Auch wenn noch viel zu tun bleibt und manche Frage, wie zum Beispiel die Art der Beleuchtung, erst geklärt werden muß, sind alle Beteiligten guter Hoffnung, daß sich Hamburgs malerischster Himmel ab September hoch über dem Spiegelsaal ausbreitet: konstant bewölkt und dennoch immer heiter.

Für weitere Informationen und Bildmaterial zur Ausstellung stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte senden Sie uns eine Email an:

mail@ludorff.com





back to top