Anselm Kiefer

Die Ordnung der Engel
2007

Anselm Kiefer, Die Ordnung der Engel

Farbe, Ton, Asche, Kreide, Eisen, Baumwolle und Leinenkleider auf Holz

285 × 140 cm

Betitelt

Provenienz

Atelier des Künstlers; White Cube, London; Privatsammlung Berlin; Sothebys London 15 Februar 2012; Privatsammlung Hamburg

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2019", Düsseldorf 2019
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020, S. 46
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2019", Kat. 170, Düsseldorf 2019, S. 53

Die Ordnung der Engel ist beispielhaft für das Interesse Anselm Kiefers an Mythologie und Geschichte, aber nicht nur an der jüngeren Deutschen Geschichte, sondern auch an der Geschichte der Weltreligionen und am Werdegang des Menschen in den zurückliegenden Jahrhunderten.

Das Werk bezieht sich sehr explizit auf den gleichlautenden Text des Pseudo-Dionysius Areopagita, einem griechischen Gelehrten, dessen Identität bis heute nicht bekannt ist, dessen Schriften aus dem 6. Jahrhundert aber für die weitere Entwicklung der christlichen und auch der orthodoxen Kirche Bedeutung hatten. Kiefer setzt in seinem Werk die Idee einer Rangfolge zwischen den Engeln um, die nach der Vorstellung des Autors zwischen Himmel und Erde vermitteln und Gott dienen, ihn aber auch schützen. Kiefer ist fasziniert davon, wie sich Menschen bereits damals ein Bild von der Welt und den Zusammenhängen zwischen Natur und Mensch, zwischen dem Glauben an Gott und den Ereignissen auf der Welt gemacht haben. Er beschäftigt sich in seinem Œuvre mit dem menschlichen Bedürfnis, das kaum Erklärbare zu verstehen und auch das Übersinnliche zu ergründen.

Mit ganz einfachen, weltlichen Materialien veranschaulicht Kiefer die spirituelle Suche des Menschen auf dieser Erde. Im unteren Bildbereich bringt er Ton auf, der unter Hitze aufgeplatzt ist und die Vergänglichkeit der Erde und seiner Bewohner zum Ausdruck bringt. Die Engel stellt er nicht selbst dar, um jegliche Verniedlichung zu vermeiden. Er verwendet einfache Leibchen und Kleider aus weißem Leinen, die Farbspuren tragen und trotz aller Leichtigkeit vom Kontakt zur Erde und den Menschen künden. Der Nachthimmel ist mit Asche verdunkelt. Durch die Verwendung zarter Rosttöne und weißer Kreide, mit der er den Titel wie auch die Rangordnungsnummern der Engel in den Himmel schreibt, erzeugt er eine harmonische, wenn nicht gar festliche Stimmung.

Es ist die Qualität Kiefers, dass es keine klar ableitbare Aussage gibt. Vielmehr versetzt er den Betrachter in die Rolle des Suchenden. Wir fragen uns, was das Werk und sein Titel, aber auch die einzelnen Elemente bedeuten könnten und in diesem Moment sind wir dem spirituell suchenden Gelehrten von damals sehr nah. Wir fragen uns, wie das Werk entstanden ist und sind ganz unverzüglich dort, wo der Künstler jeden Betrachter hintransportieren möchte: Er möchte uns zum Schauen und Nachdenken bringen und uns vielleicht vermitteln, dass die grundsätzlichen, menschlichen Bedürfnisse auch nach fast 1500 Jahren wissenschaftlichem Fortschrittes dieselben geblieben sind. Womöglich sollten wir uns dem Geistigen, dem Spirituellen und dem Übersinnlichen wieder mehr hingeben?

Im Moment des Schreibens nimmt meine Begeisterung für dieses bereits visuell immens starke Werk noch einmal sehr deutlich zu und es wird klar, dass diesem Werk große, zeitlose Bedeutung innewohnt. Die Ordnung der Engel entwickelt in mir nicht nur eine große visuelle, sondern vor allem eine geistige Sogwirkung, die es mir leicht macht, mich in das große Tableau zu vertiefen und die Gedanken schweifen zu lassen. Auch wenn die Bedeutung des Werks, ebenso wie die Identität des frühchristlichen Geistlichen, rätselhaft bleiben, ist für mich gerade die Zeitlosigkeit besonders interessant. Die Spannung dieser Kunst liegt meines Erachtens vor allem darin, das sie thematisiert und das sie ganz ohne Lösung des Rätsels auskommt. Das Rätseln bzw. das Schweifen der Gedanken über das, was wir auch gerne die großen Fragen nennen, ist es, was mich an diesem Werk immer wieder aufs Neue fasziniert und die Tatsache, dass Kiefer uns Raum für Interpretationsmöglichkeiten bietet und diese Interpretation in der Krise 2020 anders ausfallen kann als zum Entstehungszeitpunkt des Werkes unterstreicht die besondere Qualität dieses Künstlers.

Manuel Ludorff

Galerie Ludorff

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