Georg Kolbe

Pietà
1928

Georg Kolbe, Pietà

Bronze

38 × 30 × 21 cm

Signiert mit dem Monogramm auf der linken Fußsohle

Auflage ca. 15 Güsse, davon 4 bis 1937

Werkkatalog Kolbe-Museum/Berger 1990 Nr. 121

Expertise

Dr. Ursel Berger, ehemalige Direktorin des Georg-Kolbe-Museum, Berlin

Provenienz

Privatsammlung Berlin

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke des Expressionismus", Düsseldorf 2011/2012
  • Georg-Kolbe-Museum/Gerhard Marcks-Haus, "Georg Kolbe 1877-1947", Berlin/Bremen 1997/98
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Skulptur I", Düsseldorf 2015, S. 69
  • Ursel Berger, "Georg Kolbe 1877-1947", Ausst.-Kat., Georg-Kolbe-Museum, München 1997, Nr. 62
  • Ursel Berger, "Georg Kolbe – Leben und Werk mit dem Katalog der Kolbe-Plastiken im Georg-Kolbe-Museum Berlin", Berlin 1990, Nr. 121
  • Ludwig Justi, "Georg Kolbe", Berlin 1931, S. 7

Der tragische Tod1) seiner geliebten Frau Benjamine im Jahr 1927 stellt nicht nur einen persönlichen Tiefschlag im Leben des Bildhauers Georg Kolbes dar, sondern begründet, rückblickend betrachtet, einen Wendepunkt in seinem künstlerischen Schaffen. Während er sich in den Jahren zuvor thematisch auf anmutige Mädchengestalten konzentriert, modelliert Kolbe nach seinem schweren Verlust eine Anzahl von Figuren, die durch die Auseinandersetzung mit der eigenen tiefen Trauer zu einer deutlich intensiveren Formensprache und zu einer wesentlich emotionaleren Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur führen.2)

So geht es Kolbe bei der Gestaltung der „Kleinen Pietà“ weniger darum, Einzelheiten detailgetreu auszuarbeiten – er formuliert beispielsweise kein schmerzverzerrtes Gesicht –, als vielmehr die Form hervorzuheben. Betrachtet man die Oberfläche der Bronze, so fällt auf, dass bei dieser die Unebenheiten, die beim Modellieren im Ton entstehen, beibehalten und nicht wie früher geglättet worden sind. Durch die Lichtreflexionen auf der rötlichen Patina erzeugt Kolbe bewusst einen haptischen Reiz.

Im Profil gesehen, betont die geschlossene Komposition der Figur die gedankliche Versunkenheit der jungen Frau. Tief nach vorne gebeugt, kniet die Dargestellte auf ihrem linken Bein, das rechte stellt sie angewinkelt auf. Kreisförmig führt sie ihre rechte Hand zum rechten Knie und die linke zum linken Fuß. Eine Steigerung der Körperspannung evoziert Kolbe zusätzlich dadurch, dass die junge Frau auf ihren Zehenspitzen balanciert und damit den Eindruck von Instabilität erzeugt. Dr. Ursel Berger, Direktorin des Georg-Kolbe-Museums in Berlin, weist zu Recht darauf hin, dass „die ungewöhnliche Körperhaltung […] an den Ausdruckstanz [erinnere]“3).

Jedoch würde man der Plastik unrecht tun, wenn man sie auf ihren rein formalen Ausdruck reduziert, da sie inhaltlich doch eine stille, kontemplativ in sich gekehrte Trauer ausdrückt.

Der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder beschreibt treffend: „Es ist genau wie bei absoluter Musik: vernimmt man den Titel, so versteht man ihn, aber der Klang war da vor allem sprachlichem Verständnis und weit darüber hinaus. Eine nackte Frau beugt sich so, daß sie die Trauer selbst ist.“4) Im klassischen kunsthistorischen Sinn bezeichnet Pietà die Darstellung der trauernden Maria, ihren toten Sohn Christus nach der Kreuzabnahme in den Armen haltend. Obwohl die nackte Darstellungsweise der Frau und das Fehlen der Christusfigur stark von den Vorlagen der tradierten Kunstgeschichte abweichen, knüpft Kolbe inhaltlich an die Tradition des Vesperbildes an. Vermittelt doch die Bronze dem Betrachter subtil einen Moment der Andächtigkeit und der stillen Trauer.

Anm.:

1) Seit 1902 ist Kolbe mit Jonkrouwe Benjamine van de Meer de Walcheren verheiratet, die offiziell am 7. Februar 1927 an einem Herzschlag stirbt. Berger verfolgt jedoch die Annahme, dass sie unter Melancholie und Depressionen litt und vermutlich den Freitod fand. Vgl. Ursel Berger, „Georg Kolbe – Leben und Werk“, Berlin 1990, S. 89.

2) Vgl. Ursel Berger, „Die Empfindung ist alles. Der Figurenbildhauer Georg Kolbe“ in: Ursel Berger (Hg.), „Georg Kolbe. 1877-1947“, Ausst.-Kat. Georg-Kolbe-Museum, München 1997, S. 23-60.

3) Ursel Berger, „Georg Kolbe – Leben und Werk“, Berlin 1990, S. 318.

4) Wilhelm Pinder, „Georg Kolbe. Werke der letzten Jahre“, Berlin 1937, S. 12.

Über Georg Kolbe

Georg Kolbe war ein bedeutender Bildhauer der Moderne. Das Thema Tanz bestimmt seine sinnlichen, wundervoll bewegten Figuren, die international gesammelt werden.

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