Josef Albers

Study for Homage to the Square: Oracle
1961

Josef Albers, Study for Homage to the Square: Oracle
© The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn

Öl auf Hartfaser, montiert auf Hartfaser

81 × 81 cm

Signiert und datiert "A'61" sowie rückseitig von fremder Hand signiert, datiert, betitelt, "32 x 32" bezeichnet sowie handschriftlich mit detaillierten Angaben zu den verwendeten Farben versehen

Laut der Stiftung wurde auf der Rückseite des Werkes eine zusätzliche Holzfaserplatte angebracht, auf der die ursprünglichen Inschriften von Albers von unbekannter Hand nachgezeichnet wurden. Wann, von wem und aus welchem Grund diese zusätzliche Platte auf der Rückseite des Werkes angebracht wurde, konnte auch nach ausführlichen Archivrecherchen nicht geklärt werden, allerdings geschah dies mit dem Einverständnis des Künstlers.

Das Werk ist registriert unter der Nr. JAAF 1976.1.789 für das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Gemälde der Josef und Anni Albers Foundation, Bethany, USA

Provenienz

Nachlass Josef Albers; The Josef and Anni Albers Foundation, Bethany, USA (1976); Sidney Janis Gallery, New York (1989); Edward Totah Gallery, London; Galerie Arditti, Paris; Privatsammlung Palm Beach; Sotheby´s, Paris (Auktion 7. Juni 2016, Los 15); Privatsammlung Frankreich

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, Neuerwerbungen Frühjahr 2022, Düsseldorf 2022
  • Waddington Galleries, London, “Josef Albers Paintings”, 1. April - 2. Mai 2009
  • Sidney Janis Gallery, New York, “Albers”, 5. - 31. Oktober 1989
  • Austin Arts Center, Trinity College, Hartford, “The Art of Josef Albers”, 19. April - 7. Mai 1965
  • Dallas Museum of Fine Arts, “Interaction of Color: A Presentation of Paintings and the Color Theory of Josef Albers”; diese Ausstellung reiste anschließend nach San Francisco, Museum of Modern Art, Los Angeles, University of Southern California, Berkeley, University of California und Detroit, General Motors Styling Center, 14. Juni 1963 - 28. Februar 1964
  • Galerie Ludorff, "Josef Albers. Colors in Play", 5. März - 14. Mai 2022, Düsseldorf
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2022", Düsseldorf 2022, S. 9
  • Galerie Ludorff, "Josef Albers. Colors in Play", Düsseldorf 2022, S. 47
  • Waddington Galleries, “Josef Albers Paintings”, Ausst.-Kat., London 2009, Nr. 21, S. 49
  • Austin Arts Center, Trinity College, “The Art of Josef Albers”, Ausst.-Kat., Hartford 1965, Nr. 22

Das vorliegende Gemälde »Study for Homage to the Square: Oracle« (1961) darf als besonderes Werk von Josef Albers bezeichnet werden. Es war nicht nur Teil der bahnbrechenden Ausstellung »Interaction of Color«1 am Dallas Museum of Arts (1963/64). Vielmehr stellt auch die an den Schliff eines Edelsteins erinnernde Komposition des Gemäldes eine große Seltenheit dar.

Im Zentrum der Arbeit befindet sich ein strahlend grünes Quadrat. Dieses wird von einem helleren und einem dunkleren Grauton eingerahmt. Die Besonderheit des Gemäldes besteht darin, dass Albers seine sonst so strenge und immer wiederkehrende Komposition hier variiert.2 Das Verhältnis von zentraler Bildfläche zu den beiden umlaufenden Farbbahnen bleibt zwar exakt gleich. Die Farbbahnen selbst werden allerdings nicht mehr in homogener Farbgebung ausgeführt. Albers variiert die Gestaltung der das Zentrum umrandenden Bahnen, indem er für die waagerecht und die senkrecht ausgerichteten Flächen einer Bahn den Farbton jeweils wechselt. Den Bruch der aneinanderstoßenden Flächen und somit den Wechsel der Grautöne vollzieht Albers entlang der Diagonalen zu den Ecken des Gemäldes hin. Hierdurch bewegt sich die zentrale Fläche perspektivisch nach vorne, wodurch die Wirkung eines facettiert geschliffenen Edelsteins erzeugt wird.

Albers‘ Werke sind präzise geplant. Zuerst wählt der Künstler das Format und die genaue Ausrichtung der Hartfaserplatte aus. Nachdem er in bis zu acht Schichten eine weiße Grundierung aufgetragen hat, folgt die Vorzeichnung seines strengen kompositorischen Rasters. Der Großteil seiner Werke zu »Homage to the Square« lassen sich in sehr wenige unterschiedliche Kompositionsformen gruppieren. Im nächsten Schritt wählt Albers die Farben aus, wobei er den erwünschten Farbklang bereits vorab in zahlreichen Farbstudien ermittelt hat. Die Farbflächen werden dann in strenger Reihenfolge stets von Innen nach Außen aufgetragen. Eine Methode, die er bei seinem Vater erlernte, der Schreiner und Maler war. Dieser brachte ihm früh bei, dass man Türen auf diese Weise anstrich, um den eigenen Handwerkskittel nicht unnötig schmutzig zu machen. Den Farbauftrag führte Albers mit dem Malmesser aus, um jedwede Handschrift zu vermeiden und eine möglichst plane Farboberfläche zu erzeugen. Er nimmt sich und sein Eingreifen bewusst zurück, um die Farbe und nicht die Materialität wirken zu lassen. Ernst Hans Gombrich formulierte: »Man kann sich seinen Materialien unterordnen – das ist die Lehre von der Materialgerechtigkeit. Oder man stellt seine Meisterschaft unter Beweis, indem man das Material dazu zwingt, sich dem eigenen Willen unterzuordnen. Albers konnte beides.«3

Hier beweist Albers eben dieses. Er setzt Erkenntnisse seiner unterschiedlichsten Materialstudien um und macht sich diese zunutze, ohne seine eigene Handschrift und damit sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Er möchte vielmehr die Eigenschaften seiner Materialien zur Geltung bringen und tut dies so, wie auch ein Juwelier, wenn er sich mit bestimmten Edelsteinen beschäftigt, um die Farben der Steine bestmöglich zum Leuchten zu bringen.

»Ich nehme gerne eine schwache Farbe und mache sie reich, indem ich an ihren Nachbarn arbeite«4, erklärte Josef Albers und machte deutlich, wozu das Nebeneinander von Farben imstande ist, weiter sagt er: »[Ich kann] das langweiligste Grau zum Tanzen bringen.«5

Unsere Studie von 1961 weist zwar noch nicht die vollständige Vereinfachung der Quadrate auf und die Gestaltung der Farbflächen spielt hier noch weitaus mehr auf die Form an, als nur auf die Farbe. Jedoch verhilft diese besondere Formensprache dem Betrachter die Farbe zu sehen, diese zu lesen und zu erkennen. Der Sog in die Mitte des Bildes wird durch den rhythmischen Farbwechsel von Hell- und Dunkelgrau verstärkt. Zugleich erscheinen die äußeren Quadrate wie ein Rahmen um das zentrale grüne Farbfeld. Während die Grautöne zurücktreten, wird das Leuchten des Grüns intensiviert und die räumliche Illusion der zweidimensional angelegten Farbe gefördert.

Albers betitelt seine Werke stets als »Study for Homage to the Square« oder »Homage to the Square« und schließt daran oft mit einem Doppelpunkt und einem Adjektiv oder einem Substantiv an, das sich auf eine Stimmung, ein Gefühl oder auch eine bestimmte Aktivität bezieht. Der Künstler gibt dem Betrachter durch den Titel eine bestimmte Richtung vor. Die Titel sind aber eher poetisch als wortwörtlich gemeint und sollen nie erklärend oder beschreibend wirken. Die Assoziationen des Einzelnen mit dem Werk und dem Titel stehen bei Albers im Vordergrund und so findet er Gefallen daran, dass Bilder wie auch Wörter bei unterschiedlichen Betrachtern eben auch sehr unterschiedliche Assoziationen hervorrufen können und dass man den Werken ihr Geheimnis nie vollständig wird entlocken können.6

In unserem Fall bezeichnet der Titel »Oracle« eine mythologische Stätte, an der Weissagungen erhalten oder verkündet werden. Jedem Betrachter bleibt nun offen, ob er diese Formensprache als Vorhersagung noch strengerer Kompositionen im weiteren Verlauf des Schaffens des Künstlers verstehen möchte oder ob man das Schaffen von Albers überhaupt als Orakel verstehen sollte, das seine bahnbrechende Bedeutung und seine umfangreiche Wirkung auf nachfolgende Künstlergenerationen dem Betrachter bereits 1961 in diesem Gemälde kundgetan haben könnte. Jedem Betrachter öffnet der Künstler seinen ganz eigenen Interpretationsspielraum. Werner Spies bezeichnete sein Schaffen deshalb als geometrischen Surrealismus, der die sinnliche Wahrnehmung und das sehende Denken des Betrachters insgesamt immer wieder aufs Neue herausfordert und der das Sehen bzw. die Wahrnehmung auch nach mehr als 60 Jahren noch auf faszinierende Weise sensibilisiert.7

  1. Dallas Museum of Fine Arts, “Interaction of Color: A Presentation of Paintings and the Color Theory of Josef Albers”; diese Ausstellung reiste anschließend nach San Francisco, Museum of Modern Art, Los Angeles, University of Southern California, Berkeley, University of California und Detroit, General Motors Styling Center, 14. Juni 1963 - 28. Februar 1964.

  2. So hat diese kompositorische Spielart des Künstlers insgesamt in nur 53 Werken der Jahre 1957-73 Anwendung gefunden.

  3. In: Nicholas Fox Weber in einem Gespräch mit Ernst Hans Gombrich, London, den 21. Februar 1987, in: Josef Albers. Eine Retrospektive, Ausst.-Kat. Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1988, S. 18.

  4. Vgl. Josef Albers zit. nach Sam Hunter, hier in: Heinz Liesbrock, “Aufrichtigkeit und Maß. Josef Albers“ in: Heinz Liesbrock u.a. (Hg.), Josef Albers: Interaction, Ausst.-Kat., Köln 2018, S. 65.

  5. Vgl. Josef Albers in: Ulrike Growe, „Homage to the Square”, in ebd. S. 194.

  6. Vgl. Sarah Heidebroeck, „Im Labor des Malers. Josef Albers in Bottrop”, Open Peer Reviewed Journal, www.kunstgeschichte-ejournal.net (Zugriff 25.1.22).

  7. Vgl. Werner Spies, »Albers«, Stuttgart 1970, S. 44.

Über Josef Albers

Als Lehrer am Bauhaus und Black Mountain Collage gilt Josef Albers als wichtiger Wegbereiter der Op-Art und Farbfeldmalerei. Sein Œuvre bestimmt nicht unmerklich die Abstrakte und Konkrete Kunst.

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