Karin Kneffel

Ohne Titel (Feldblumen)
1998

Karin Kneffel, Ohne Titel (Feldblumen)
© VG Bild-Kunst, Bonn

Öl auf Leinwand

140 × 160 cm

Rückseitig signiert, datiert und "GV" bezeichnet

Provenienz

Privatsammlung Rheinland

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020, S. 114

Ein sanftes Glühen grenzt die am Horizont zu sehenden Baumwipfel vom dunklen Blau des Himmelszeltes darüber ab. Doch sind es die ersten Sonnenstrahlen im Morgengrauen, oder die letzten in der Abenddämmerung, die der in Normalperspektive zu sehenden Baumlandschaft an räumlicher Tiefe verleihen? Eine Tiefe, welche noch gesteigert wird durch Margeriten, Hahnenfuß und Kleeblüten, welche sich in unverhältnismäßig geringem Abstand zu uns befinden und uns in ihrer Monumentalansicht zu überragen scheinen. Leise Zweifel mögen im Betrachter aufkommen, welcher vergeblich versucht, sich beim Anblick der irritierenden Perspektive im Werk Karin Kneffels zu positionieren. Die nahezu fotorealistische Qualität der unnatürlich ausgeleuchteten Blüten erinnert vielmehr an die Versprechungen einer kommerziellen Werbekampagne, als an die Losgelöstheit eines typischen Blumen-Idylls und führt die vermeintlich natürliche Lichtquelle im Bildhintergrund ad absurdum.

Dienten jene Idylle, wie Gärten und Parkanlagen, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zunächst noch als physische und motivische Refugien vor der Tristesse der zunehmenden Urbanisierung während der industriellen Revolution, so erfahren sie dagegen in Kneffels Darstellungsmodi eine Dekonstruktion. Durch das Arrangieren der pflanzlichen Motive in sich überlagernden Strukturen und der damit einhergehenden Ornamentalisierung negiert Kneffel deren potenziellen Sehnsuchtscharakter. Statt dem Rezipienten die Flucht in ein Blütenmeer in Aussicht zu stellen, verwehren ihre nüchternen Blumenkonstellationen diese wie Torgitter zum Reich der Künstlichkeit.Gerade diese Ambivalenz im Bildgehalt – oder eben die Abwesenheit des selbigen – verleiht unserem Werk Ohne Titel (Feldblumen) von 1998 seine zeitgenössische und zugleich zeitlose Relevanz, die es als wahres Meisterwerk kennzeichnet.

Daniel Spanke schreibt bezüglich des vorliegenden Motivs: »Die Blumenwiese ist ein bevorzugtes Objekt nicht authentisch erlebten Scheinbetroffenseins – des Kitsches«.A Kneffel überführt dieses Genrethema aus seinem gefühlseligen Pathos auf eine sinnbefreite Ebene des Äußeren und damit hin zu einer motivischen Bildwerdung, indem sie auf Fotografien basierende Versatzstücke in präzisester Manier auf vierfach vorgrundierten Leinwänden malt. Dabei steigt der Grad der Befremdlichkeit mit der Filigranität der Details. Stephan Berg bringt die Wirkung dieser Methode treffend zur Geltung, indem er anmerkt, Kneffels Hyperrealismus atme den kalkulierten Geist der Fälschung.B

Dieser Geist der Fälschung schafft einen Zweifel im Betrachter, dessen Erzeugung nach Kneffels Ansicht der Sinn der Kunst sei. Durch die dokumentarische Exaktheit und Kühle ihrer Bilder werden wir auf uns zurückgeworfen und die Distanzierung des Betrachtenden selbst wird zum Motiv. Die Irritation, die damit einhergeht, bewirkt eine Hinterfragung der sichtbaren Realität und ihrer Wahrnehmung. Diese Wirkung von Kneffels Feldblumen macht sie zu meinem persönlichen Lieblingsmeisterwerk

Hagen Scheer

Galerie Ludorff

A Daniel Spanke, Realismus ist anders. Distanz, Serie und Ornament als künstlerische Strategien im Werk von Karin Kneffel, in: Achim Sommer (Hg.), »Karin Kneffel« Ausst.-Kat. Kunsthalle in Emden, Köln 2001, S. 16, Z. 14 – 15.

B Vgl. Stephan Berg, Nachtschattengewächse, in: Daniel Schreiber (Hg.), »Karin Kneffel

1990 – 2010«, Ausst.-Kat. Kunsthalle Tübingen, Ostfildern 2010, S. 12.

Über Karin Kneffel

Karin Kneffel studierte Malerei unter anderem bei Gerhard Richter und ist bekannt für ihre neorealistischen Stillleben und Interieurs. Auffallend in ihren Werken ist die visuelle und geistig-emotionale Gradwanderung zwischen Nähe und Distanz.

Weitere Werke
Publikationen zum Werk