Otto Mueller

Zwei auf dem Sofa sitzende Mädchen
1912/1914

Otto Mueller, Zwei auf dem Sofa sitzende Mädchen

Aquarell und Farbkreide über Lithografie

21,5 × 26,8 cm

Signiert

Unser Werk ist das bisher einzig bekannt gewordene Exemplar in farbig überarbeiteter Form. Vgl. Werkverzeichnis Karsch 1974 Nr. 65

Provenienz

Ehemals Sammlung Paffenholz, Wipperfürth

Ausstellungen
  • Kumu Art Museum, "The Savages of Germany. "Die Brücke" and "Der Blaue Reiter" Expressionists", Tallin 2017/2018
  • Museum Fundatie," Wilden. Expressionisme van 'Brücke' en 'Der blaue Reiter'", Zwolle 2016
  • Galerie Ludorff, "Muse & Modell", Düsseldorf 2014
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke des Expressionismus", Düsseldorf 2011/2012
Literatur
  • Museum de Fundatie, "Wilden. Expressionisme van 'Brücke' en 'Der blaue Reiter'", Ausst.-Kat., Zwolle 2016, S. 84
  • Galerie Ludorff, "Muse & Modell", Düsseldorf 2014, S. 9
  • Florian Karsch, "Otto Mueller zum hundertsten Geburtstag – Das graphische Gesamtwerk: Holzschnitte, Radierungen, Lithographien, Farblithographien", Berlin 1974, Nr. 65
  • Lothar-Günther Buchheim/Florian Karsch, "Otto Mueller – Leben und Werk", Feldafing 1963, Nr. 65

Nach einer Lithographenlehre, studiert Otto Mueller ab 1894 an der Dresdner Kunstakademie Malerei. Im Anschluss daran geht er nach München zur Fortsetzung seiner Ausbildung an der dortigen Akademie. Im Herbst 1899 wechselt er von München nach Dresden, um von dort aus 1908 mit seiner Frau Maschka nach Berlin überzusiedeln. Hier macht er Bekanntschaft mit Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel und tritt der Künstlervereinigung „Brücke“ bei, in der er von 1910 bis 1913 Mitglied ist.

Während Kirchner und andere Zeitgenossen wie Emil Nolde motivisch und stilistisch auf ihre direkte Umgebung, die pulsierende Metropole Berlin reagieren, bleibt Mueller von den neuen, auf ihn einwirkenden Sinneseindrücken weitgehend unbeeinflusst. Trotz der Freundschaft und der gegenseitig befruchtenden Zusammenarbeit mit Kirchner, umfasst das Motivrepertoire Otto Muellers im Gegensatz zu seinen Kollegen keine Straßenszenen, flanierende Kokotten oder trinkende und tanzende Nachtschwärmer. Vielmehr konzentriert sich der Maler seit ca. 1910 konsequent auf einige wenige Bildthemen wie innig verbundene Liebespaare und weibliche Akte in unterschiedlichen Posen.

Auch unsere Lithographie „Zwei auf dem Sofa sitzende Mädchen“ zeigt zwei unbekleidete Frauen, die auf einer gerundeten, sich über die ganze Breite der Darstellung erstreckenden Bank sitzen. Im Hintergrund wird der eng gefasste Bildraum von quadratischen Wandkacheln oder Kissen abgeschlossen. Während das Mädchen auf der linken Seite frontal gezeigt wird und das eine Bein von der Bank herunterhängen lässt, ist der zweite sitzende Akt an die Wand am rechten Bildrand gelehnt und wendet dem Betrachter den Rücken zu. Ihre Haltung und der abgerundete Bildraum verleihen der Darstellung etwas Abgeschiedenes. Im Gegensatz dazu scheint das Mädchen auf der linken Seite den Betrachter mit leicht geneigtem Kopf dazu aufzufordern, sich zu Ihnen zu gesellen. Mueller vermittelt auf diese Weise dem Betrachter eindrucksvoll das Gefühl, in eine fast vertraute Zwiesprache mit dem Mädchen zu treten.

Insbesondere seit seinem Eintritt in die „Brücke“ ist in der Malerei Otto Muellers eine zunehmende Abstraktion der Form erkennbar. Der Verzicht auf individuelle Gesichtszüge führt schließlich zu einer tektonisch-strengen Grundfigur, einer Art „Prototyp“. Diese zarte menschliche Figur in sitzender, liegender, hockender oder stehender Position und unterschiedlicher Gestik bildet fortan das zentrale Motiv in Muellers Œuvre. Das genaue Studium der Körpersprache dient ihm dazu, das Wesen, das Geschlechtsspezifische von Mann und Frau herausarbeiten. Um von diesem zentralen Thema nicht abzulenken, vermeidet er topographische oder zeitliche Indizien: „Otto Muellers Bilder zeigen kaum alltägliches Geschehen, beschreiben keine Stillleben, nur selten entstehen Raumsituationen, bildet sein Atelier Hintergrund oder Atmosphäre für seine Arbeiten.“ 1)

Die Konzentration auf das Wesentliche und die besonnene Stille machen nicht nur den besonderen Reiz der Gemälde Otto Muellers aus, sondern sind ebenfalls für seine Papierarbeiten und sein graphisches Werk charakteristisch. Die Gemälde sind gekennzeichnet durch eine konsequente Reduktion der Farbpalette; gleichzeitig koloriert er meist ein oder zwei Exemplare seiner Lithographien – fast immer die ersten Abzüge – per Hand. Unser Werk ist das bisher einzig bekanntgewordene Exemplar dieses Steins in farbig ausgearbeiteter Form und demnach in dieser Form ein Unikat.

In seiner Vorliebe für Pastellfarben und die Beschränkung auf eine Motivgruppe nimmt Otto Mueller in der Reihe der „Brücke“-Künstler eine Sonderrolle ein. So erinnert sich Erich Heckel: „Otto Mueller hatte in seinen Bildern auf manches verzichtet, was den Zeitgenossen wichtig schien, um das Wesentliche zu gewinnen. Dieselbe Übereinstimmung musste sich auch in der gesamten Lebensform, in der Einstellung zur Umwelt und zur Kunst zeigen. Allem Virtuosen, Dogmatischen, Pathetischen (war er) abgeneigt, allem Menschlichen offen.“ 2)

  1. Mario-Andreas von Lüttichau, „Von Liebespaaren, Doppelportraits und anderen Figurenbildern – Otto Muellers Bilderwelt“, in: Hypo-Kulturstiftung München, „Otto Mueller“, Ausst. Kat., München 2003, S. 67.
  2. Zit. nach Lothar-Günther Buchheim/Florian Karsch, „Otto Mueller – Leben und Werk“, Feldafing 1963, S. 19.

Über Otto Mueller

Die Konzentration auf das Wesentliche und die besonnene Stille machen nicht nur den besonderen Reiz der Gemälde Otto Muellers aus, sondern sind ebenfalls für seine Papierarbeiten und sein graphisches Werk charakteristisch.

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