Hans Hartung

P1960-59
1960

Hans Hartung, P1960-59
© VG Bild-Kunst, Bonn

Kohle auf Papier

65 × 50 cm

Signiert und "60" datiert

Das Werk ist aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Stiftung Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes und im Archiv der Stiftung registriert unter der Nr. CT HH2496-0

Expertise

Stiftung Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes

Provenienz

Galerie de France, Paris; Privatsammlung (-1978); Sotheby's, New York (Auktion 20. Oktober 1978, Los 89); Privatsammlung, durch Erbfolge in Familienbesitz (1978-2006); Christie's London (Auktion 7296, 17. Oktober 2006, Los 425); Galerie Brimaud, Paris (2007); Privatsammlung Texas (2007-2022)

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, Neuerwerbungen Herbst 2022, Düsseldorf 2022
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2022", Düsseldorf 2022, S. 56

Es ist die Linie, die für Hartung in allen Variationen – ob als Balken, Knäuel, Gitter oder als Farbfluss und Spritzer – richtungsweisend im gesamten Œuvre einzuordnen ist. Sie soll mit den Assoziationsmöglichkeiten und Gefühlswelten der Betrachtenden interagieren und diese übersetzen: »Eine einfache Linie – heftig, aufbrausend, gesträubt, berstend oder ruhig regelmäßig, gleichmäßig – übersetzt, was wir fühlen. Sie korrespondiert mit unserem Leben.«1

Der 1904 in Leipzig geborene deutsch-französische Maler Hans Hartung zählt zu den Pionieren der gestisch-abstrakten Malerei in Europa und zu den führenden Vertretern der sogenannten École de Paris. Schon in den 1920er Jahren interessiert sich Hartung für die Auflösung klassischer Formenelemente und experimentiert mit der für ihn typischen zeichenhaften oder kalligrafischen Bildsprache. Unsere Arbeit »P1960-59« entspringt seiner charakteristischen Schaffenszeit in den 1950er Jahren, in der er seine Farbfeldmalereien, die von schwarzen Linien und Strukturen überlagert werden und an Kalligraphie erinnern, perfektionierte. Mit dem Kohlestift zieht der Künstler zahlreiche Bahnen vertikal auf dem Blatt. So entsteht eine fast ge­schlossene Fläche mittig im Werk. Die Mittelachse lässt der Maler frei. Er ritzt im nächsten Schritt mit dem Messer in die Farbschicht und kratzt feine Linien heraus, sodass der helle Grund des Papiers hindurchscheint.

Trotz aller vermeintlichen Spontanität der Linien, steuert und kontrolliert Hartung seine Kompositionen ganz bewusst. Dabei soll zwar der Eindruck eines spontanen, gestischen Farbauftrags der Linie entstehen, gleichzeitig aber auch das Streben nach Perfektion zum Vorschein kommen: »Den Eindruck unvorbereiteter Improvisation geben und doch einer überzeugenden Perfektion nachstreben. Das ist das wirkliche Problem der Technik.«2

In den 1960er Jahren ist ein Umbruch in Hartungs Technik zu beobachten, da er eine neue Farbskala von industriellen Vinyl- und Acrylfarben verwendet. Diese neuartigen Farben trocknen schneller als die vorher verwendeten Ölfarben und sind mühelos zu verarbeiten. Hartung beginnt unmittelbar und gestisch direkt auf die Leinwand zu arbeiten und gelangt zur »unvorbereiteten Improvisation«. In unserem zweiten Werk »T1969-H14« legt er eine schwarze vollflächige Grundierung auf die Leinwand. Von links nach rechts trägt er als nächstes mit dem Pinsel, die Strukturen sind erkennbar, zuerst vertikal Gelb und dann Hellblau darüber auf. Finalisierend kratzt er nun mit dem Rebmesser schwungvolle Linien in die noch nasse Farben und nimmt gelbe und blaue Farbe wieder ab, sodass die jeweils darunterliegende Farbe sichtbar wird. Das „i-Tüpfelchen“ der Komposition bildet ein azurblaues Farbfeld in der linken unteren Bildhälfte. Der Titel des Bildes »T1969-H14« ist im eigentlichen Sinne kein Titel, sondern dient der Katalogisierung und Archivierung des Gesamtwerkes. Der erste Buchstabe steht hierbei für die verwendete Technik. In unserem Fall steht »T« für »toile« (Leinwand), »1969« gibt Aufschluss über das Entstehungsjahr und die abschließende Kombination aus Buchstaben und Zahl stellt eine Art Ordnungscode dar, nach dem die Werke der Reihe nach archiviert werden. Hartung möchte vermeiden, dass ein Titel eines Werkes die un­voreingenommene und freie Betrachtung möglicherweise einschränken könnte. Seine Absicht ist es, Suggestionen und inhaltliche Verweise zu vermeiden, die den Blick allzu stark vereinnahmen könnten. »Was die Leute in meinen Bildern sehen, ist vielleicht etwas ganz anderes. Man muß ihnen ihre Freiheit lassen. Völlige Freiheit.«3 Die gleiche Vorgehensweise ist auf unsere Papierarbeit anzuwenden mit dem Titel „P1960-59“. „P“ steht für »papiers« (Papier), 1960 ist das Entstehungsjahr und 59 die Ordnungszahl, der entstanden Werke des Jahres.

1 Hans Hartung zitiert nach: Von der Heydt-Museum (Hg.), »Alternativen. Malerei um 1945-1950«, Wuppertal 1973,

S. 27.

2 Vgl. Galerie Fahnemann,»Hans Hartung. Fait le 29.7.1989«, Berlin 2012, S. 2.

3 Vgl. Stefan Diederich, (Hg.), »Hans Hartung. So beschwor ich den Blitz«, Ausst.-Kat. Museum Ludwig, Köln 2004, S. 46.

Über Hans Hartung

Der deutsch-französische Maler Hans Hartung zählt zu den führenden Vertretern der sogenannten École de Paris, deren informelle Bildsprache für die Malerei der 1940er und 50er Jahre kennzeichnend war.

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