Konrad Klapheck

Die Selbstsichere
1970

Konrad Klapheck, Die Selbstsichere
© VG Bild-Kunst, Bonn

Öl auf Leinwand

90 × 70 cm

Rückseitig signiert und "70" datiert

Oeuvrekatalog des Künstlers Nr. 215

Expertise

Wir danken Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck, Frankfurt a. M., für die schriftliche Bestätigung der Echtheit des Werkes.

Provenienz

Atelier des Künstlers; Galleria Arturo Schwarz, Mailand; Privatsammlung Stockholm/New York

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2021", Düsseldorf 2021
  • Museum Boymans van Beuningen/Palais des Beaux Arts/Städtische Kunsthalle, ”Konrad Klapheck”, Rotterdam/Brüssel/Düsseldorf 1974/1975
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2021", Düsseldorf 2021, S. 58
  • Museum Boymans van Beuningen (Hg.), "Konrad Klapheck”, Ausst.-Kat., Rotterdam 1974, Nr. 75, S. 169
  • Konrad Klapheck, "Klapheck", Text von José Pierre, Köln 1970, Nr. 215, S. 94

Bildfüllend malt Konrad Klapheck 1970 in Öl auf Leinwand einen Wasserhahn. Ein Motiv aus einer seiner zentralen Werkgruppen, die er seit 1955 nach­einander entwickelt, zu der auch Schreibmaschinen, Nähmaschinen, Fahrradschellen, Bügeleisen oder Duschköpfe gehören1. 1972 greift Klapheck den Wasserhahn in der Radierung wieder auf (WVZ Zwirner 1977 Nr. 17 + Wessolowski 2015 Nr. 17). In wenigen klaren Linien, exakten geometrischen Formen und dezenten blauen und grauen Farbschattierungen setzt sich der Hahn aus der Wand kommend aus einem Rohr und einem oben auf­gesetzten Rädchen zusammen. Ein weiteres, oben aufgesetztes, gebogenes Rohr sollte das Haarewaschen erleichtern. Die Leinwand ist vollflächig Weiß gehalten, die Darstellung erscheint zuerst monochrom in Grau, doch ist jedes Teil in einer eigenen Grauvariante gemalt, der Haupthahn in blaugrau, das aufgesetzte Rohr in gelbgrau und rotgrau. Es gibt eine perspektivische Räumlichkeit in dem Bild und der Hahn wirft sogar einen leichten Schatten hinten an der Rundung am Übergang ›zur Wand‹. Jedoch ist der Gegenstand neutral, klar, ohne besondere Beleuchtung und insbesondere ohne eine räumliche Verortung dargestellt.

»Die Selbstsichere«, wie Klapheck dieses Werk betitelt hat, ist die Darstellung eines Wasserhahns ohne dessen Abbild zu sein. Durch die zeit- und raumlose Darstellung des quasi im luftleeren Raum existierenden Hahns verliert das Objekt seine Funktionalität. Konrad Klaphecks Werke scheinen auf den ersten Blick der Kunst­richtung des Realismus zugeordnet werden zu können, doch täuscht die Ge­nauigkeit seiner Malerei nur eine exakte Wiedergabe der Realität vor. Eigentlich geht es Klapheck in seiner Darstellung um eine Verfremdung der bekannten Gegenstände. Entgegen seiner zeitgenössischen Malerkollegen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg dem Neuen und insbesondere der gestischen Abstraktion zuwandten, möchte er alltäglichen Dingen eine neue Wahrnehmung geben. Klapheck wählt Motive von Menschenhand hergestellter Objekte, die er durch das Herauslösen aus dem Kontext, einer vereinfachten, aber genauen Darstellung und mithilfe perspektivischer Mittel überhöht wiedergibt.

Sein Œuvre ist eine singuläre Erscheinung. Neben der einfachen und klaren Darstellung ist es Klapheck ebenso wichtig, dass seine Kunst zu­gänglich und verständlich ist. Die Gegenstände sind oftmals aus Erinnerungen gewählt, die ihn wieder an vergangene Orte zurückversetzen, und immer auch Bezüge zu menschlichen Verhältnissen innehaben. Der Wasser­hahn erinnere ihn an das geräumige Bad in der großbürgerlichen Villa der Eltern seiner Mutter, aber auch an die enge Badestube eines Bruders seines Vaters. Mit seinen eigenen Worten beschreibt er diese als »Orte des Entzückens«2.

Klapheck wählt für seine Kunst Motive, die seiner Biografie folgen und schenkt ihnen auf der Leinwand ein neues, eigenes Dasein. »Meine Bilder sollen als ein Ganzes aufgefasst werden, als Epos, dessen Hauptfiguren nicht von Menschen, sondern von seinen wichtigsten Gebrauchsgegenständen verkörpert werden.«3

Den Wunsch, dem Objekt auf der Leinwand ein neues Dasein geben zu wollen, unterstreicht Klapheck durch die Betitelung. Unser Gemälde »Die Selbstsichere« bekommt eine weibliche Zuschreibung und ist mit einem starken, charakteristischen Adjektiv behaftet. Klapheck wählt zwischen weiblichen und männlichen Rollenbildern, sucht aber auch politische, ironische und erklärende Eigenschaften dem Titel beizugeben. Die Titel bieten Anregung für Assoziationen und Inspirationen, darüber hinaus per­sonalisieren sie das Objekt, laden es mit Gefühlen auf und vermenschlichen den zuvor leblosen Gegenstand. Die Möglichkeit der Verfremdung wurde bereits von den Surrealisten erfindungsreich benutzt. Klapheck knüpfte nach zwei Aufenthalten in Paris Mitte der 1950er Jahre Kontakt zu den Surrealisten und Dadaisten. Ihm sind die Werke von Man Ray, Marcel Duchamp, Max Ernst, René Magritte und André Breton wohl bekannt. Wenn jedoch im Surrealismus die Titel ins absurde, geheimnisvolle, teils unverständliche gesteigert werden, wendet Klapheck interpretierende Titel an, die neue Assoziationsräume schaffen und seine unverkennbare Bildsprache unterstützen.

1 siehe Konrad Klapheck, »Meine Gegenstände«, 1973 aus: Museum Boymans van Beuningen (Hg.), »Konrad Klapheck«, Ausst.-Kat.,

Rotterdam 1974. Klapheck gibt einen Einblick in die Ordnung seiner gemalten Gegenstände und berichtet über deren Eigenschaften und wie sie untereinander zusammenhängen und wozu sie ihn inspiriert haben.

2 Konrad Klapheck, »Warum ich male«, 1984, aus: Kay Heymer, Beat Wismer und Museum Kunstpalast (Hg.), »Klapheck. Bilder und Texte«, Museum Kunstpalast, München 2013, S. 57.

3 Konrad Klapheck, »Notizen«, 1966 aus: ebd., S. 34.

Über Konrad Klapheck

Der in Düsseldorf geborene Maler und Grafiker Konrad Klapheck zählt zu den zentralen Vertretern der Neuen Gegenständlichkeit. Bekannt wurde er für seine Darstellungen von Schreibmaschinen, Nähmaschinen und Bügeleisen.

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