Max Liebermann

Junge und Mädchen auf der Dorfstraße
1899

Max Liebermann, Junge und Mädchen auf der Dorfstraße

Öl auf Holz

49 × 33,5 cm

Signiert und datiert

Werkverzeichnis Eberle 1995 Nr. 1897/12

Expertise

Prof. Dr. Matthias Eberle, Berlin

Provenienz

Atelier des Künstlers (um 1900); Hermann Freudenberg, Berlin-Wannsee (1923); Durch Erbschaft über drei Generationen in der Familie (bis 2005 Belgien); Sotheby's, London, 16. November 2005, lot 256; Privatsammlung Süddeutschland; Sotheby's New York, 17. Mai 2017, lot 181; Privatsammlung Nordrhein-Westfalen

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020, S. 94
  • Matthias Eberle, "Max Liebermann. Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien 1865-1899", Bd. I, München 1995, Nr. 1897/12

Liebermanns erster Besuch in den Niederlanden erfolgte im Jahr 1871, als er noch Student war. In den darauffolgenden Jahrzehnten – bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges – war er fast jeden Sommer im Nachbarland unterwegs. Anfangs interessierte er sich fast ausschließlich für die Bevölkerung auf dem Land. Ab Mitte der 1890er ist eine Anlehnung an den französischen Impressionismus zunehmend erkennbar. Seine Farbpalette wurde heller, sein Malduktus flüchtiger. Statt Schuster und Waisenkinder rückte das moderne Leben in den Fokus seiner Arbeiten, wie zum Beispiel in den Szenen der Freizeitvergnügungen in Bade- und Kurorten wie Zandvoort und Noordwijk.

Das Bild Junge und Mädchen auf der Dorfstraße steht stilistisch und thematisch ziemlich genau in der Mitte dieser Entwicklung. Schauplatz der dargestellten Szene ist vermutlich eine Straße in Laren – ein Dorf im Norden Hollands, wo Liebermann schon während der 1880er Jahre mehrmals gearbeitet hat. Der Bildausschnitt ist rechts durch eine braunrote Fassade abgeschlossen. Im Hintergrund verjüngt sich die zentralperspektivisch angelegte Straße. Vor dem hellen Himmel befindet sich Vegetation. Im Vordergrund stehen frontal zwei sich an der Hand haltende Kinder, die sich wahrscheinlich auf dem Schulweg befinden.

Rahmenfoto

Vom Sujet ist dieses Bild deutlich den früheren Hollandbildern zuzuordnen. Allerdings erkennt man – im Vergleich zu Bildern aus den 1870er Jahren – einen viel lockereren Malstil sowie eine deutliche Betonung der Farben und ihres Zusammenspiels. Liebermann lenkt unsere Aufmerksamkeit zuerst auf das Mädchen, deren rosa Schürze vor der hellen Straße sowie der dunklen Kleidung des Jungen besonders leuchtet. Erst dann fallen uns die zarten Gesichter der Kinder auf, durch den Kontrast ihrer rosigen Wangen mit dem schwarzen Stoff ihrer Kopfbedeckungen.

Dieses Bild, das über mehrere Jahre als verschollen galt, wurde wegen des Sujets Liebermanns Schaffen um 1897 zugeordnet. In diesem Jahr malte er mehrere solcher Kinderdarstellungen in Vorbereitung auf die Serie Schulgang in Laren. Das Bild ist allerdings mit der Jahreszahl 1899 versehen. In diesem Jahr verbrachte Liebermann drei Monate in Holland. Aus Laren schrieb er im Juli 1899 an Hugo von Tschudi, den damaligen Direktor der Nationalgalerie in Berlin:

»Ich arbeite hier, collossal pour me refaire ma virginité. All’ das Kunst-politische tödtet den Künstler u ich gebrauche hier quasi eine Badekur gegen die Leiden, die ich mir im Winter zugezogen in der Kunst. (...) Das Mêtier tötet die Kunst und der Verstand die Empfindung. (…) Den 7 August denke ich mich mit meiner Familie in Zandvo[o]rt zu treffen, wo wir 5 Wochen zu bleiben gedenken. Dann gehe ich wieder hierher zurück. Denn der einzige Kunstprofessor bleibt – für mich wenigstens – natura.«A

In diesem Brief erkennen wir Liebermanns etwas geteilte Loyalität. Um die Jahrhundertwende blieben die ländlichen Dörfer eine wichtige Inspirationsquelle für den Künstler. Allerdings ist auch eine Sehnsucht erkennbar nach dem Komfort und der Bequemlichkeit der modernen Ressorts an der Küste.

Lucy Wasensteiner

Direktorin der Liebermann-Villa am Wannsee

A Max Liebermann, Brief an Hugo von Tschudi, 29.7.1899, in: Ernst Braun (Hg.), »Max Liebermann. Briefe«, Bd. 2 (1896 – 1901), Baden-Baden 2012, S. 303 – 305, hier 304.

Über Max Liebermann

Als einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus sind Max Liebermanns Genreszenen, Gartenbilder und Landschaften in großen Museen vertreten.

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