Fritz Winter

Horizontal Vertikal
1966

Fritz Winter, Horizontal Vertikal
© VG Bild-Kunst, Bonn

Öl auf Leinwand

70 × 60,5 cm

Signiert und "66" datiert sowie rückseitig nochmals signiert, datiert und betitelt

Ausstellungen
  • Heinrich Neuy Bauhaus Museum, "Fritz Winter- Ingrid Kreytenberg", Steinfurt-Borghorst 2015

Fritz Winters Malerei ist eng verbunden mit einer tief empfundenen Beziehung zur Natur. Natur konkretisiert sich für ihn in der ungegenständlichen Unendlichkeit des Raumes und den Geheimnissen der hinter der sichtbaren Wirklichkeit liegenden unsichtbaren Bausteine der Natur. Getrieben von diesem Verständnis verfolgt Winter die Umformung von Energie und Bewegung als Metapher für kreatürliches Leben in der eigenen schöpferischen Arbeit. Ganz im Geist der Romantik führt der Künstler aus: „Ich bin selbst an die Natur gebunden, aber nicht an ihre Formen, denn in dem was ein ‚Gegenstand‘ ist, stecken die unendlichen Kräfte, die den Gegenstand zur Gestalt werden lassen.“1)

Winter erstellt in seinen Bildern positive Utopien, die dem verborgenen Sinn des Universums nachspüren, gleichsam mystische Symbole ferner, aber gültiger geistiger Welten. „Was ich ahne“, schreibt der Künstler, „ist immer vorhanden auch dann, wenn ich es nie erreiche. Diese Erkenntnis gibt mir Ruhe und Zufriedenheit. Nicht Zweifel ist in erster Linie der Grund allen Denkens, sondern Ahnen.“2) Der Raum wird ihm dabei zum eigentlichen bildnerischen Problem. Es geht ihm sowohl um den Bildraum als in sich geschlossenes Universum als auch um ein abstraktes Raum-Zeit-Kontinuum und eine auch den kleinsten Zellen der Natur immanente Räumlichkeit. Winters Natur- und, davon abgeleitet, Raum- und Zeitverständnis versucht, in Anlehnung an Errungenschaften und Erkenntnisse der Naturwissenschaften von traditionellen Raumvorstellungen abzusehen. Raum wird stattdessen zum unendlichen, ewig bewegten kosmischen Raum, zum Weltall und gleichzeitig zum Erdinneren, in dem unser Planet in seiner äußeren Erscheinung lediglich eine vergängliche Laune bedeutet. Vor diesem Hintergrund wird für Winter das konventionelle Anliegen der Naturnachahmung mit dem abstrakten Bildentwurf identisch.

In den sechziger Jahren entsteht mit den Farbraummodulationen eine Werkreihe, zu der auch unser Bild „Horizontal Vertikal“ zählt und in der Winter unter dem Primat der Farbe seinen Vorstellungen vom Raum nahezukommen sucht. Horizontale Farbbänder in Blau-, Rot- und Grautönen legen sich wie zu einem dichten Netz versponnen im Vordergrund unseres Bildes übereinander. Im Mittelgrund schiebt sich von rechts eine große, leuchtend blaue Farbfläche dahinter. Die vertikale Gegenrichtung bilden zwei Streifen im linken Bildhintergrund. Das weiße Band am rechten oberen Rand scheint wie ein Ausblick ins Unendliche, der dem Betrachter des ansonsten dicht verwobenen Gefüges gewährt wird. Der Ausdruck des Bildes wird von kräftigem Blau dominiert, in das sich dynamisch von links leuchtende rote Bänder hineinschieben. In den übereinander gelegten Reihen, aber auch innerhalb eines einzelnen Bandes findet eine Vielzahl von farblichen Veränderungen statt: zwischen hell und dunkel, warm und kalt, stumpf und leuchtend, pastos und transparent. Winter geht es in seinen Farbraummodulationen um die Ambivalenz zwischen der Leinwand als Flächen- und der Farbe als Raumwert. Darüber hinaus sind die Farbwerte selbst einem ständigen Wandel unterworfen und entziehen sich somit einer eindeutigen räumlichen Zuordnung. Die einzelnen Flächen sind derart miteinander verzahnt, dass sie sich alle in einem langsam pulsierenden Vor und Zurück befinden. Das Bild ist ständig in einer räumlichen Bewegung begriffen. Zusätzlich erzeugt die Überlagerung und damit Verdunkelung der Farbe in den Grenzbereichen der Bänder eine diffizile Spannung, durch die die Komposition in einem schwebenden Zustand gehalten wird.

Anm.:

1) Fritz Winter zit. in: Gabriele Lohberg, „Fritz Winter. Leben und Werk“, München

1986, S. 90.

2) „Fritz Winter: Aus Briefen und Tagebüchern 1932-1950“, in: „Fritz Winter“, Bern

1951, S. 17.

Über Fritz Winter

Fritz Winter zählte schon zu Lebzeiten zu den bedeutendsten Nachkriegskünstlern Deutschlands. Er entwickelte eine eigenständige, abstrakte Formensprache, die in klassisch ausgewogenen Bildkompositionen stets einen übergeordneten Bezug zur Natur offenbart.

Weitere Werke