Fritz Winter

Ohne Titel
1972

Fritz Winter, Ohne Titel
© VG Bild-Kunst, Bonn

Öl auf Malkarton

61 × 43 cm

Signiert und "72" datiert sowie rückseitig "F.W.H. 288" beschriftet

Werkverzeichnis Lohberg 1986 Nr. 2857

Provenienz

Fritz-Winter-Haus, Ahlen

Literatur
  • Gabriele Lohberg, "Fritz Winter, Leben und Werk", München 1986, Nr. 2857

Im Alter von 65 Jahren verabschiedet sich Fritz Winter nach fünfzehnjähriger Lehrtätigkeit aus dem Kasseler Hochschulbetrieb. Die letzten sechs Lebensjahre verbringt er, eingebunden in ein schöpferisches Auf und Ab, in Dießen am Ammersee, welches ihm schon seit den dreißiger Jahren immer wieder als Rückzugsmöglichkeit gedient hatte. Als Ergänzung zum Wohnhaus hatte sich Winter zudem 1961 im Garten des Anwesens ein in der Bauhaustradition stehendes Atelierhaus errichten lassen, in welchem er, wenngleich in Abhängigkeit der inneren Befindlichkeit, jedoch unbehelligt von äußeren Einflüssen, wohnen und arbeiten konnte. „Es malt sich wundervollerweise aus mir buchstäblich nur so heraus; es hat sich während der Kasseler Lehrtätigkeit beinahe nicht zu Überblickendes angestaut. Ich fühle mich von einem Abgabezwang befangen, wie ich ihn selbst in produktivsten Zeiten nie gefühlt habe.“1), äußert sich Winter euphorisch während einer dieser kreativen Phasen zu Beginn der siebziger Jahre, in welcher zahlreiche, ähnlich gestaltete Ölbilder entstehen.

Unser unbetiteltes Gemälde aus dem Jahre 1972 entstammt dieser späten Schaffensperiode des Künstlers, in der noch einmal seine Grundidee der Farbraummodulation kulminiert. Der kompositorische Aufbau wird nun jedoch nicht mehr von der Intuition bestimmt, sondern ist rational durchdacht. Unregelmäßige Streifen und Längsrechtecke stellen die grundlegenden Elemente der Komposition dar. Sie sind innerhalb des hochrechteckigen Formats wechselseitig horizontal und vertikal ausgerichtet und treffen in unterschiedlichen Winkeln aufeinander. Durch die Verwendung von Schablonen sind die Flächen klar konturiert. Die Farbstrukturen zeichnen sich durch einen kantigen Umriss aus. Größere Partien wechseln sich mit kleineren Strukturen ab, deren flächiger Charakter durch wiederholte Überschneidungen in eine räumliche Vorstellung überführt wird.

Der Bildgrund ist großflächig und in einem vertikal geführten Pinselduktus ausgemalt. In der darüber liegenden Ebene bilden zwei sich zu einem Kreuz zusammenfügende Balken den kompositorischen Kristallisationspunkt. Durch die Staffelung mehrerer, von links unten sich horizontal ins Bild schiebender Längsstreifen, die sich in enger räumlicher Abhängigkeit verdichten, wird dieses Kreuz im Bildraum zurückversetzt und drängt doch gleichsam durch das strahlende Kolorit nach vorn: Das kräftige Rot, welches durch das Blau der umgebenden Flächen in seiner Leuchtkraft gesteigert wird, zieht den Blick des Betrachters unaufhaltsam in seinen Bann. Der wechselvolle farbige Gesamtcharakter des auf den Primärkontrast Rot-Blau und dessen Ausmischungen aufbauenden Gemäldes ist durch die Ambivalenz von kühler Distanziertheit und erregter Spannung gekennzeichnet. „Was ich nicht in der Welt ordnen kann, kann ich stellvertretend auf der Leinwand ordnen und damit einen Beitrag zur Welt leisten“2), zieht Winter selbst das Fazit über Intention und Wirken seines künstlerischen Schaffens.

Anmerkungen.:

1) Fritz Winter, zitiert in: Gabriele Lohberg, „Fritz Winter. Leben und Werk“, München 1986, S. 34.

2) Fritz Winter gegenüber seiner Schülerin Marie Zindler, zitiert ebenda, S. 34.

Über Fritz Winter

Fritz Winter zählte schon zu Lebzeiten zu den bedeutendsten Nachkriegskünstlern Deutschlands. Er entwickelte eine eigenständige, abstrakte Formensprache, die in klassisch ausgewogenen Bildkompositionen stets einen übergeordneten Bezug zur Natur offenbart.

Weitere Werke