Lesser Ury
Siegesallee mit Siegessäule im Frühherbst, Berlin
Mitte 1920er Jahre
Pastell auf Malkarton
35,1 × 49,5 cm
Signiert
Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Gemälde, Pastelle, Gouachen und Aquarelle von Dr. Sibylle Groß, Berlin
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Gutachten: Dr. Sibylle Groß, Berlin 2025
Sammlung Balson (-1981); Karl & Faber, München (Auktion 155, 4./5. Jun. 1981, Los 1663); Galerie Pels-Leusden, Berlin (1981-); Privatsammlung Norddeutschland
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026/2027
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026, S. 164
Der deutsch-jüdische Maler Lesser Ury gehört zu den bedeutendsten Chronisten des Berliner Großstadtlebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ist neben Max Liebermann einer der bekanntesten Vertreter des deutschen Impressionismus. Auch wenn er durch eine Verkettung unglücklicher Umstände nie den Bekanntheitsgrad seines berühmten Zeitgenossen erreichte, nimmt er innerhalb der deutschen Kunst um 1900 eine singuläre Stellung ein. Wie kaum ein anderer Künstler verstand er es, die Atmosphäre der Hauptstadt mit ihren wechselnden Lichtverhältnissen und Stimmungen einzufangen. Straßen, Boulevards, Parkanlagen und Caféhäuser der Stadt gehörten zu seinen bevorzugten Motiven. Dabei interessierte ihn besonders der Umgang mit Farbe und Licht im Wandel der Jahreszeiten und zu unterschiedlichen Wetterbedingungen.
Unser Pastell „Siegesallee mit Siegessäule im Frühherbst, Berlin“, entstanden Mitte der 1920er Jahre, zeigt die berühmte Berliner Prachtallee aus südlicher Richtung mit Blick auf die Siegessäule. Diese befand sich damals noch auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, unmittelbar vor dem Reichstagsgebäude. Im Zentrum der Komposition sieht man die Allee, die geradlinig auf die Siegessäule zuläuft, deren vergoldete Viktoria als leuchtender Fluchtpunkt den Blick des Betrachters in die Tiefe lenkt. Links und rechts wird die Straße von hohen Baumreihen eingefasst, deren Laub bereits die warmen Gelb-, Grün- und Brauntöne des Frühherbstes angenommen hat. Zwischen den Bäumen bewegen sich einzelne Flaneure, und Automobile befahren die Straße in beide Richtungen.
Typisch für Urys Malerei ist sein Umgang mit Farbe. Er baut seine Bilder aus kräftigen, unmittelbar gesetzten Farbflecken auf und vermeidet die grautonige Luftmalerei vieler impressionistischer Zeitgenossen. Das leuchtende Blattgrün, das warme Gelb des frühen Herbstes und das helle Blau des Himmels zeugen von einer außergewöhnlichen Farbintensität. Die Wahl der Pastelltechnik trägt dabei wesentlich zur Wirkung des Bildes bei. Ury entwickelte hierfür eine ganz eigene Arbeitsweise. Zunächst grundierte er den Malkarton mit einer weißen Kreideschicht, anschließend trug er die Farben mit dem Pastellstift auf und verrieb sie unmittelbar mit dem Handballen. Dadurch entstehen weiche Übergänge und samtige Farbflächen, in denen sich die Konturen auflösen und die Luft zu vibrieren scheint. Das Licht durchdringt die Baumkronen, legt sich auf Straße und Fahrzeuge und verbindet alle Bildteile zu einer harmonischen Gesamtstimmung.