Alexej von Jawlensky

Stehende mit Hand am Kopf
1912

Alexej von Jawlensky, Stehende mit Hand am Kopf

Kohle auf Papier

49 × 30,8 cm

Signiert und von Lisa Kümmel datiert sowie "3" nummeriert

Werkverzeichnis Jawlensky/Pieroni-Jawlensky 1998 Nr. 146

39.000,00 €

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Provenienz

Margit Chanin, New York; Joan & Lester Avnet, New York; Christie's, London (30. Nov. 1971, Los 351); Privatsammlung London; Privatsammlung Frankfurt; Hauswedell & Nolte, Hamburg (8./10. Jun. 1972, Los 912, unverkauft); Privatsammlung Schweiz (-2013): Galerie Ludorff, Düsseldorf (2013-2014); Privatsammlung Süddeutschland (2014-2026)

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Portfolio No. 1 – A Collection of Drawings", Düsseldorf 2026/2027
  • Galerie Ludorff, "Muse & Modell", Düsseldorf 2014
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Portfolio No.1 - A Collection of Drawings", Düsseldorf 2026, S. 38
  • Galerie Ludorff, "Muse & Modell", Düsseldorf 2014, S. 21
  • Maria Jawlensky/Lucia Pieroni-Jawlensky/Angelica Jawlensky, "Alexej von Jawlensky Catalogue Raisonné. The Watercolours and Drawings. Vol. 4. 1890-1938", München 1998, Nr. 146

Der in Russland geborene Alexej von Jawlensky zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Expressionismus. 1912 ist er im Umfeld der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ und deren Ausstellungen in München aktiv und tauscht sich unter anderem mit Paul Klee, Oskar Kokoschka und Emil Nolde aus. Im Jahr vor der Entstehung unserer Zeichnung trifft er Henri Matisse in Paris, den er schon seit 1905 kennt und von dessen Kunst er tief beeindruckt ist. Matisses Einfluss auf Jawlenskys „Stehende mit Hand am Kopf“ ist unverkennbar. Zeichnungen spielen im Werk von Jawlensky eine wichtige Rolle. Er zeichnet während seiner gesamten Karriere und ist dabei stets sehr experimentierfreudig: Er arbeitet in einer Vielzahl von Techniken und auf verschiedenen Papieren in unterschiedlichen, teils großen Formaten. In seinem zeichnerischen OEuvre kommen immer wieder Gruppen mit einheitlicher Größe und Thema vor. Um 1912 entsteht beispielsweise eine Serie von weiblichen Akten, zu welcher auch unser Blatt gehört.

In beeindruckender Größe steht uns auf diesem Blatt eine Nackte gegenüber. Ihren linken Arm um den Oberkörper geschlungen und die rechte Hand an den Kopf gelegt, schaut sie dem Betrachter lächelnd und direkt entgegen. Jawlensky hat die Konturen des sehr weiblichen Frauenkörpers in sicheren, langen Bleistiftstrichen selbstbewusst auf das weiße Blatt gesetzt. Die Linie ist selten unterbrochen und nirgends korrigiert. Die Volumina und Schattierungen sind mit den für den Künstler typischen unruhigen Linien angedeutet. Den Hintergrund definiert Jawlensky minimal mit drei senkrecht verlaufenden Zick-Zack-Linien, welche die Formensprache der Konturen der Frau aufgreifen. Die meisten Akte des Jahres 1912 nehmen klassisch-akademische Posen ein: Sie sitzen oder liegen, nur wenige stehen. Typisch ist auch, dass Jawlensky keine Füße und Hände zeichnet oder sie versteckt. Die Proportionen und den Ausdruck der Figur stellt er perfekt dar.1) Das Gesicht der Stehenden ist stark stilisiert, dennoch sehr expressiv und weist bereits auf spätere Gesichtsformen, z.B. der Serie der Mystischen Köpfe oder Mediationen hin, die den Künstler ab 1914 beschäftigen werden (vgl. Abb. unten).2)

Innerhalb der Zeichnungen nimmt die Gruppe der Akte um 1912 eine Sonderstellung ein und erhält eine besondere Wertschätzung durch den Künstler, da sie zu den wenigen Arbeiten auf Papier gehören, die Jawlensky 1937 zusammen mit seiner Assistentin Lisa Kümmel3), die unser Blatt datiert hat, in sein Archiv aufgenommen hat. Obwohl nachweislich zu diesem Zeitpunkt noch weitere Zeichnungen im Wiesbadener Atelier waren, wählt er neben unserem Blatt nur wenige andere für diese Katalogisierung und Archivierung aus. Dies kann man als klaren Hinweis auf die besondere Bedeutung der „Stehenden mit Hand am Kopf“ interpretieren und zeigt den zentralen Stellenwert des Werkes in seinem OEuvre.

Anm.:

1) Vgl. hierzu Angelica Jawlensky Bianconi, „Jawlensky’s Watercolours and Drawings“, in: WVZ, S. 11-21, hier S. 12.

2) Ebd.

3) Kümmel selbst erklärt ihr Verhältnis zu Jawlensky in einem Brief an Emil Nolde so: „Ich bin sein Freund im besten Sinne des Wortes, und ich kenne ihn seit 12 Jahren, erledige alle seine schriftlichen geschäftlichen, jetzt auch seine persönlichen Arbeiten, betreue seine Bilder, mache alles in Ordnung, klebe, wachse, firnisse usw. Und da ich auch noch im Beruf stehe, Innenarchitektin, konnte ich erst so spät schreiben.“, in: „Alexej Jawlensky 1864-1941“, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1983, S. 118.

Über Alexej von Jawlensky

Grobe Pinselstriche, bunte Farbkompositionen und abstrakte Figurenköpfe sind kennzeichnend für das Werk von Alexej von Jawlensky, Mitbegründer der Gruppe „Die Blaue Vier“.

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