Ernst Ludwig Kirchner

Alpenveilchen zu Weihnachten
1917

Ernst Ludwig Kirchner, Alpenveilchen zu Weihnachten

Öl auf Leinwand

60 × 70 cm

Signiert "EL Kirchner" oben rechts

Werkverzeichnis Gordon 1968 Nr. 501

Provenienz

Sammlung Dr. Binswanger, Kreuzlingen, Schweiz

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke des Expressionismus", Düsseldorf 2011/2012
  • Museum Kunst Palast, "Die Kunst zu sammeln – Das 20./21. Jahrhundert in Düsseldorfer Privat- und Unternehmensbesitz", Düsseldorf 2007
  • Städtisches Museum Leverkusen Schloss Moirsbroich, "Blumenstück – Künstlers Glück – Vom Paradiesgärtlein zur Prilblume", Leverkusen 2005
Literatur
  • Museum Kunstpalast, "Die Kunst zu sammeln – Das 20./21. Jahrhundert in Düsseldorfer Privat- und Unternehmensbesitz", Düsseldorf 2007, S. 194
  • Gerhard Finckh (Hg.), "Blumenstück – Künstlers Glück – Vom Paradiesgärtlein zur Prilblume", Leverkusen 2005, S. 74/75
  • Donald E. Gordon, "Ernst Ludwig Kirchner – Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde", München 1968, Nr. 501

Als tiefe Zäsur nimmt Ernst Ludwig Kirchner den Ausbruch des Ersten Weltkrieges wahr – das Kriegsgeschehen und seine Zeit beim Militär erschrecken den Künstler sehr und stürzen ihn in eine extreme psychische sowie physische Krise. Seine bereits angeschlagene Gesundheit verschlechtert sich aufgrund Kirchners Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, so dass Freunde und Bekannte zu diesem Zeitpunkt um sein Leben bangen und wenig Hoffnung auf Besserung haben.

Nach Aufenthalten in Sanatorien in Königstein im Taunus und in Charlottenburg in den Jahren 1915 und 1916, reist Kirchner im folgenden Jahr erstmals nach Davos in die Schweiz, wohin er am 8. Mai 1917 sogar vollends übersiedeln soll. Motiviert ist dieser Entschluss von Kirchners Freund Eberhard Griesebach, dessen Frau Charlotte die älteste Tochter des renommierten Davoser Lungenfacharztes Dr. Lucius Spengler ist. Unter der Obhut Spenglers zieht sich der kranke Künstler auf die ‚Stafelalp‘ zurück. Sein Zustand – Kirchner leidet unter anderem an Lähmungserscheinungen – bleibt kritisch. Auf das Anraten Henry Van de Veldes weist sich Kirchner Mitte September 1917 in das Sanatorium ‚Bellevue‘ in Kreuzlingen am Bodensee ein, das von dem Neurologen Dr. Ludwig Binswanger geleitet wird. Er wird dort bis zum 9. Juli 1918 bleiben. Zu Binswanger fasst Kirchner Vertrauen und obwohl der Maler seinen Zustand selbst als kritisch einstuft1), sind es doch gerade die Gespräche mit dem Arzt und den ihm verbundenen Personen, die Kirchners Wunsch nach Leben aufrecht erhalten und durchaus auch Freude schenken. In diesem Kontext entstehen 1917 unter anderem die zwei Ölbilder „Dr. Binswanger vor Berglandschaft“ und „Der Besuch: Frau Binswanger“. Porträtiert ist hier Frau Binswanger mit einem Blumenstrauß als Präsent während einer ihrer Krankenbesuche bei dem Künstler.2) Ob auch die Alpenveilchen, die Kirchner zu seinem Weihnachten 1917 entstandenen Gemälde inspirieren, ein Geschenk der Arztgattin sind, ist fraglich. Das Bild jedoch gelangt bald nach seinem Entstehen in den Familienbesitz der Binswangers.3)

Die bescheidenen Alpenveilchen scheinen Kirchner große Freude bereitet zu haben, bedenkt man, dass er zu diesem Zeitpunkt nur recht wenige Ölgemälde malt. Obwohl Kirchners künstlerischer Höhepunkt häufig in die Kernzeit der „Brücke“ und der Berliner Zeit verortet wird, wird hierbei schnell übersehen, dass Kirchners Kunst gerade während seines seelisch-körperlichen Tiefstandes einen künstlerisch bedeutenden Wendepunkt durchlebt. Kirchner konzentriert sich fortan darauf, das ‚Geistige‘ zu durchdringen und weniger nur das ‚Sichtbare‘ darzustellen. Er formuliert in einem Brief an Eberhard Griesebach, datiert auf den 1. Dezember 1917, sein Bestreben folgendermaßen: „Das grosse Geheimnis, das hinter allen Vorgängen und Dingen der Umwelt steht, wird manchmal nur schemenhaft sichtbar und fühlbar, wenn wir mit einem Menschen reden, in einer Landschaft stehen, oder wenn Blumen oder Gegenstände plötzlich zu uns sprechen. Wir können es nie gestaltlich aussprechen, wir können es nur in Formen oder Worten symbolisch geben.“4) Der Kirchner-Experte Donald E. Gordon interpretiert folgendermaßen: „Beiläufig sagen diese Worte die Auflehnung gegen revolutionäre Form voraus, welche die letzte, die Nachkriegsstufe deutscher expressionistischer Kunst und Denkweise kennzeichnen sollte. Sie weisen zurück auf die romantische Tradition von Novalis, der ‚aus dem tiefsten Naturgefühl heraus Prophet des Hintersinnlichen, des absolut Geistigen wurde‘.“5) Und genau so verfährt Kirchner in dem Gemälde „Alpenveilchen zu Weihnachten“: Er durchbricht das äußere Aussehen der Blumen. Die stark fokussierten rosa-lachsfarbenen Blüten, die auf einem blauen Tischchen stehen, gibt der Maler aus der Vogelperspektive wieder. Farbe und Form sind expressiv gesteigert und durch die Mehransichtigkeit der Pflanze ordnen sich alle Bildelemente einer Eigengesetzlichkeit des Gemäldes unter und entfernen sich dadurch völlig von einer rein objektiven Widergabe des Gesehenen. Günther Gercken resümiert treffend: „Sein [Kirchners] künstlerisches Interesse richtet sich auf die Erfindung von nicht abbildenden Formen, die er ‚Hieroglyphen’ nannte zur Darstellung seelischer Inhalte.“6)

Anm.:

1) „Durch das körperliche Leiden im Schaffen sehr behindert, schwankte ich manchmal um Haaresbreite an der Grenze hin, wo die Verständigung mit den anderen aufhört“, Kirchner zit. in: Günther Gercken, „Die Kriesenjahre 1914-1918 im Spiegel der Graphik“, in: Magdalena M. Moeller/Roland Scotti (Hg.), „Ernst Ludwig Kirchner. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik. Eine Ausstellung zum 60. Todestag“, München 1998, S. 58.

2) Vgl. Donald E. Gordon, „Ernst Ludwig Kirchner“, München 1968, S. 116.

3) In seinem Werrkkatalog zu Kirchner gibt Donald E. Gordon seit 1918 Dr. O. Binswanger, Kreuzlingen als Provenienz für das Gemälde „Alpenveilchen zu Weihnachten“ an. Ferner weist er darauf hin, dass Frau O. Binswanger das Bild in einem Interview vom 3. Dezember 1964 „Weihnachten 1917“ datiert hat. Vgl. ebd. S. 347.

4) Kirchner zit. in: ebd. S. 117f.

5) Ebd. S. 118.

6) Günther Gercken: „Die Kriesenjahre 1914-1918 im Spiegel der Graphik“, in: Magdalena M. Moeller/Roland Scotti (Hg.), „Ernst Ludwig Kirchner. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik. Eine Ausstellung zum 60. Todestag“, München 1998, S. 58.

Über Ernst Ludwig Kirchner

Der expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner war Mitbegründer der Künstlervereinigung »Brücke«, in deren Schaffensfokus das Medium der Zeichnung stand.

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