Ernst Ludwig Kirchner, Kahnfahrer auf einem Parksee

Farbkreide auf Papier

17,5 × 23,6 cm

Signiert sowie rückseitig "K P Z. 15" beschriftet

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv Wichtrach/Bern dokumentiert

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Provenienz

sog. Sammlung Frau und Herr Dr. Gervais, Zürich; Christian Laely Davos-Paris (1938); Sammlung Richard Cohn, New York; Math. Lempertz'sche Kunstversteigerung, Köln (Auktion 491, 8. Dez. 1966, Los 358); Privatsammlung Rheinland (1966-2022)

Literatur
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2023", Düsseldorf 2023, S. 50

Bis heute zählt der »Große Garten« in Dresden zu den Besonderheiten der Stadt an der Elbe. Für die Bewohner ist dieser Park ein willkommenes Geschenk der letzten Königin von Sachsen, Carola (1833–1907). Besonders beliebt: ein See. Als er mit seinen kleinen, von Eichen, Eschen und Birken bestandenen Inseln fertig war, schwärmte der Dresdner Anzeiger am 21. November 1882, »Lächelt uns heute ein freundlicher See entgegen«.

Ernst Ludwig Kirchner mag hier zusammen mit Doris Große, die in der nahen Blochmannstraße 3 wohnte, spazieren gegangen sein – wie immer mit dem Skizzenbuch, einem Bleistift und dieses Mal auch mit einigen Farbstiften im Maler-Gepäck: Er zeichnete, wo er ging und stand. (1) Und dann erlebte er, wie ihn am südlichen Ufer eine besondere Situation geradezu ansprang: »Das muss ich festhalten.« Kein Zögern: »Jetzt muss ich zupacken.« Dabei skizzierte er weniger das, was er sah. Die Empfindung, einen unwiederholbaren Moment zu erleben, führte die Hand, schleuderte (2) Linien und Farben aus seinem Innersten hervor, schuf einen vorher nie gesehenen Kosmos. Was hier zu Zeichnung wurde, entstammt dem Wesen des Künstlers. Hier, nur hier, allein und ganz ausschließlich hier.

Kirchner nannte diesen besonderen Augenblick in der Unendlichkeit der vielen Stunden: »Ekstase des ersten Sehens.« Um ihn zu gestalten, bedurfte es kaum mehr als einiger weniger Minuten – oder sind es Sekunden? Es bedurfte auch nur weniger Mittel. Vier Farbstifte: Gelb, Grün, Blau, Rot. (3) Einige Linien, die nichts abbilden. Vielmehr steigt etwas auf im Inneren des Malers. Er gestaltet, was er fühlt. Die örtliche Situation, der See, das Wasser, die Bäume und die kleinen Boote treten zurück, sind Anlass, nicht mehr. Alles ist offen für das, was hervorbricht aus den Tiefen der schöpferischen Intelligenz. Es geht um »Zeichen«. Kirchner nannte sie »Hieroglyphen« und meinte damit, dass hier Neues, bisher nicht Gesehenes zu Form wird. Kunst war für ihn das Betreten jener Räume, in denen der Künstler alles nach seinen Vorstellungen begreifen kann – und muss. Er belässt nicht. Er macht die Wirklichkeit zu seiner Wirklichkeit.

Prof. Dr. Dr. Gerd Presler, September 2023

1 Eberhard W. Kornfeld, »Die Arbeit E. L. Kirchers«, in: »Ernst Ludwig Kirchner. Nachzeichnung seines Lebens«, Bern 1979, S.331 ff.: »Ich zeichnete überall in Strassen, Lokalen, Theater etc. […] Es vergeht […] kein Tag, ohne dass nicht einmal der Zeichenstift in Tätigkeit käme.«

2 Florian Karsch, Vorwort zu: »E. L. Kirchner, Aquarelle, Pastelle, Handzeichnungen«, Ausst.-Kat. Galerie Meta Nierendorf, Berlin 1961, S.2: »Es ist Gärung, überschäumendes Leben, eine wilde, stürmische Kraft, die das Neue aus sich herausschleudert gegen den Widerstand und das Unverständnis der Welt.«

3 siehe auch: Ernst Ludwig Kirchner, Park in Dresden, um 1909, schwarze und farbige Kreiden auf Papier, 15,5 x 20 cm, Sammlung Kohl-Weigand, Saarlandmuseum – Stiftung Saarländischer Kulturbesitz

Über Ernst Ludwig Kirchner

Der expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner war Mitbegründer der Künstlervereinigung »Brücke«, in deren Schaffensfokus das Medium der Zeichnung stand.

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Publikationen zum Werk