Käthe Kollwitz
Turm der Mütter
1938, Guss Ende der 1960er Jahre
Bronze
28 cm
Signiert und "H.NOACK BERLIN" gestempelt
Auflage Gruppe III.B; als Abformung von der Vorlage, die in der Bildgießerei Hermann Noack, Berlin, wohl Ende der 1960er Jahre verwendet wurde
Das Werk wird bei der nächsten Aktualisierung in den Werkkatalog aufgenommen; vgl. Werkverzeichnis Seeler 2016 (online aktualisierte Fassung 2019) Nr. 35
Preis inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten. Region und Währung anpassen
Wir danken Dr. Annette Seeler, Autorin des Werkverzeichnisses der Plastik von Käthe Kollwitz, für die weiterführenden Informationen zum Werk
Sammlung Kurt Adelsberger
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026/2027
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026, S. 70
Käthe Kollwitz ist vor allem für ihr grafisches Werk bekannt, erst im Jahr 1904 beginnt sie auch skulptural zu arbeiten. Dafür schreibt sich die in Berlin lebende Künstlerin an einem Bildhauerkurs an der Académie Julian in Paris ein und besucht während ihres Aufenthaltes dort auch das Atelier ihres großen Vorbilds Auguste Rodin. Zeit ihres Lebens arbeitet sie an 43 plastischen Projekten, wobei nur 15 letztendlich als Bronzen vervielfältigt wurden. Ihrer Motivik bleibt sie treu, indem sie sich besonders sozialkritischen Themen widmet.
Die Idee für die 1938 entstandene Bronzeplastik „Turm der Mütter“, die zu ihren skulpturalen Hauptwerken zählt, hatte Käthe Kollwitz schon etwa 15 Jahre zuvor. Bereits im sechsten Blatt mit dem Titel „Die Mütter“ – aus der Holzschnittserie „Krieg“, welche sie 1923 beendet hatte – beschäftigte sie sich mit der gleichen Motivik.
Unsere Plastik zeigt eine Gruppe von Müttern, die einen Kreis um die sich in ihrem Inneren befindlichen Kinder gebildet haben. Die Frauen stehen mit dem Rücken zum Betrachter, sie haben sich den Kindern zugewandt und ihre Arme schützend über sie gebreitet. Eine der Frauen sticht heraus, sie steht als Einzige in umgekehrter Position und ist uns zugewandt. Nicht nur durch ihren festen Stand wirkt sie in ihrer Haltung stark und selbstbewusst, auch ihr Blick ist entschlossen und dabei direkt auf den Betrachter gerichtet. Sie hat ihre Arme zum Schutz der Kinder ebenfalls ausgebreitet, so dass niemand in den Kreis eindringen kann. Auf der anderen Seite ist aber auch das Heraustreten nicht möglich. Käthe Kollwitz hat das Werk als Raumplastik geplant, es lässt sich von allen Seiten umrunden und bietet mehrere Ansichten, allerdings gibt es wie bei den anderen plastischen Arbeiten der Künstlerin auch eine eindeutige Vorderansicht, angelegt in der Mutter, die uns zugewandt ist. Hatte Kollwitz in ihrem 15 Jahre zuvor entstandenen Holzschnitt die Mütter noch mit einem verängstigten und zurückhaltenden Ausdruck bedacht, wirken sie in dieser Fassung deutlich selbstbewusster – besonders deutlich wird das bei ebenjener Frau, die mit festem Blick den Betrachter anschaut. In eine ungewisse Zukunft blickend, scheint sie entschlossen sich den Gefahren, die da kommen mögen, zu stellen und ihre Kinder zu verteidigen.
Übertragen lässt sich diese Lesart auch auf eine biografische Parallele: nachdem Kollwitz jüngster Sohn Peter als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg am 22. Oktober 1914 gefallen war, setzte sich die Künstlerin intensiv mit dem Krieg und seinen Folgen auf die Menschen auseinander und wird in der Folge zu einer entschiedenen Pazifistin. Sie hatte ihren begeisterten Sohn in den Krieg ziehen lassen, wo er nach nur kurzer Zeit den Tod fand. Nun, im Jahre 1938, dem Entstehungsjahr der Arbeit, steht mit dem Zweiten Weltkrieg ein neuer Krieg bevor und die Thematik ist damit aktueller denn je.
Als eines der wenigen plastischen Werke, das Käthe Kollwitz bereits zu Lebzeiten in Bronze gießen ließ, muss die Arbeit „Turm der Mütter“ innerhalb ihres Œuvres eine besondere Bedeutung gehabt haben. In der vorliegenden Bronze verdichtet sie das Thema der Mutterschaft – ein zentrales Motiv ihres künstlerischen Schaffens – zu einer universellen Aussage über Schutz, Verlust und menschliches Leid. Aus der Verbindung persönlicher Erfahrung und allgemeingültiger Symbolik erwächst ein Werk von zeitloser Aktualität, das bis heute als eindringliches Mahnmal gegen Krieg und Gewalt verstanden werden kann.