Karin Kneffel

Ohne Titel (Kleine Kirsche)
1997

Karin Kneffel, Ohne Titel (Kleine Kirsche)
© VG Bild-Kunst, Bonn

Öl auf Leinwand

20 × 20,5 cm

Rückseitig signiert, datiert und "(F4)" bezeichnet

Provenienz

Atelier der Künstlerin; Privatsammlung Süddeutschland

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2021", Düsseldorf 2021
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2021", Düsseldorf 2021, S. 64

Bekannt wurde Karin Kneffel für ihre Werke, welche die Malerei nach ihrer Funktion hinterfragen. Malte sie zunächst noch Gemälde gewöhnlicher Stalltiere, die sich in Format und Form an altmeisterlichen Portraits anlehnten, so widmete sie sich im Verlauf der 1990er Jahre den weiteren klassischen Genres der Malereigeschichte, nämlich den Landschaften, Interieurs und Stillleben. Im Mittelpunkt ihres Schaffens steht die Auseinandersetzung mit dem Bild als Repräsentant eines Realismus, der sich jedoch nicht selten als manipuliert entpuppt.

Unser Werk »Kleine Kirsche« von 1997 ist beispielhaft für Kneffels Vorliebe für das Hinterfragen sicher geglaubter, visueller Wahrheiten. Scheinbar schwebend präsentiert sie uns eine reife Kirsche, die bildfüllend vor einem grauen Hintergrund in das Bildzentrum gerückt ist. Der nach Oben hin aus dem Bild herausführende Stängel der Kirsche lässt vermuten, dass sie noch an einem Baum hängen mag, doch bleibt die gewählte Perspektive unschlüssig. Der Blick des Betrachters ist gen Himmel gerichtet. Eigentlich müsste man die Kirsche dann von Unten betrachten. Die Malerin eliminiert jedoch jegliche Kontextualisierung und präsentiert uns die pralle Frucht lieber von der Seite. Auch zeigt sie uns die Frucht in einer ausgeleuchteten Perfektion mit glänzendem Lichtpunkt auf der Wölbung der Frucht, wie sie nur im Fotostudio und in der Werbung und nicht in der freien Natur zu finden ist. Mögliche Proportionshilfen, die Aufschluss über die Größe und die Lokalisierung der dargestellten Frucht geben würden, lässt sie bewusst weg. Vielmehr scheint sie dem Betrachter sogar kleine Fallen zu stellen.

Nicht wenige Betrachter meinen daher beim ersten Hinsehen sogar, einen Apfel zu erkennen. All dies zeugt von dem Geschick der Künstlerin, ein vermeintlich so rasch zu erschließendes, realistisches Bild zu malen, das aber beim genauen Hinsehen doch weniger einfach zu erfassen ist und vielmehr sogar recht viele Fragen aufwirft.

Ähnlich wie ihr Lehrer Gerhard Richter, greift Kneffel auf fotografische Vorlagen für ihre Arbeiten zurück. Nicht selten kombiniert sie in ihren realistisch anmutenden Gemälden Details mehrerer Fotografien miteinander. In der Übertragung vom Foto auf die Leinwand verfremdet sie die Motive jedoch mit sehr subtilen Mitteln, um die für ihre Malerei typische Irritation beim Betrachter zu erzeugen. Kneffel selbst erklärt ihre Arbeitsweise wie folgt: »Was ich male, gibt es auf Fotos so gar nicht. Dort finde ich nur Versatzstücke für meine Malerei, ohne die ich Einzelelemente im Bild nicht so präzise darstellen könnte, wie es mir wichtig ist. Ausgehend von diesen Vorlagen finde ich meine Motive letztendlich erst beim Malen, über einen längeren Zeitraum formen sie sich aus. In der Kunst geht es um das Erzeugen eines Zweifels, um etwas, das man selber noch nicht ganz verstanden hat. Das ist mein Antrieb. Kunstwerke erzeugen einen Haltegriff, der im Moment des Zugreifens verschwindet.«1 Und so gelingt es Kneffel, den Moment des Zweifels mit einer einfachen Kirsche hervorzurufen, die seltsam vertraut, aber doch gleichzeitig ganz unnahbar erscheint.

1 Karin Kneffel, in: Susanne Wedewer, »Blicke hinter die Kulissen«, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Nr. 84, Heft 27, München 2008, S. 4.

Über Karin Kneffel

Karin Kneffel studierte Malerei unter anderem bei Gerhard Richter und ist bekannt für ihre neorealistischen Stillleben und Interieurs. Auffallend in ihren Werken ist die visuelle und geistig-emotionale Gradwanderung zwischen Nähe und Distanz.

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