Lesser Ury

Piazza del Popolo
1890

Lesser Ury, Piazza del Popolo

Öl auf Holz

22,1 × 13,5 cm

Signiert, datiert und "Rom" bezeichnet

Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Gemälde, Pastelle, Gouachen und Aquarelle von Dr. Sibylle Groß, Berlin

Expertise

Dr. Sibylle Groß, Berlin

Provenienz

Privatsammlung USA; Galerie Ludorff, Düsseldorf; Privatsammlung Rheinland

Ausstellungen

Bei dem kleinformatigen Gemälde „Piazza del Popolo“ handelt es sich um eine seltene Ansicht, die Lesser Ury 1890 während eines kurzen Aufenthalts in Rom angefertigt hat. Kurz zuvor hat er auf Empfehlung Adolph Menzels den Michael-Beer-Preis erhalten, der mit einem bedeutenden Stipendium der Berliner Akademie der Künste einherging, das dem noch mittellosen Künstler eine mehrmonatige Reise durch Italien ermöglicht.1)

Die Zeichnungen und Gemälde, die während dieser Rundreise entstehen, sind Ausdruck der mutigen Radikalität und der großen künstlerischen Neugierde des 29-jährigen Malers. So malt er viele Werke seiner Reise und auch das vorliegende Gemälde ohne Vorstudien in sogenannter „Prima vista“-Manier vor Ort. Hierfür lässt sich Ury einen kleinen Malkasten zur Aufbewahrung seiner Farben und der Malutensilien anfertigen, in dessen Deckel er die kleinformatigen Bildträger – meist Holztafeln oder Pappen – fixiert. Die Motivwahl fällt zwar auf die bekannten historischen Bauwerke, wie das Colosseum, den Titusbogen oder eben die Piazza del Popolo. Die Darstellungsweise ist jedoch alles andere als repräsentativ. Im Gegenteil konzentriert sich Ury in den sehr kleinen, handlichen Formaten, auf die Schilderung spannender Fragmente der allgegenwärtigen, historischen Gesamtansichten der ewigen Stadt.

So scheint Ury auch den sehr weitläufigen, rund angelegten Platz mit seiner Vielzahl an bedeutenden historischen Bauten nicht als Ganzes abbilden zu wollen. Mutig wählt er vielmehr seinen Standort gleich am Fuße des im Zentrum des Platzes befindlichen Obelisken. Er rückt sein Hochformat so nah an den Obelisken heran, dass dieser den linken Rand der Darstellung vollständig einnimmt und den Blick über den weiten Platz sogar etwas versperrt. Auch kann man den Obelisken nicht mehr als solchen identifizieren, da Ury lediglich den großen quadratischen Sockel und den nach oben hin aufstrebenden Ansatz des insgesamt über dreiundzwanzig Meter hohen Bauwerks nahezu abstrakt darstellt. Blickt man an dem Obelisken vorbei, präsentiert Ury dem Betrachter einen recht kleinen Ausschnitt des monumentalen Platzes. Am rechten Bildrand ragt eine der typischen mehrflammigen Straßenlaternen empor, die über den gesamten Platz verteilt sind. Im Hintergrund ist der Torbogen der „Porta del Popolo“ zu erkennen, über der sich der blaue Himmel wölbt. Die sich auftürmenden Kumuluswolken und die über den Platz schlendernden Flaneure verleihen der Szenerie eine lebendige Dynamik.

Durch die direkte Nähe zum Obelisken und die immense Größe, die dieser nun im Bild einnimmt, schafft Ury einen extremen Richtwert im Bildraum und stellt so die natürlichen Größenrelationen des Platzes mutig auf den Kopf. Fühlt man sich als Individuum in der Präsenz der historischen Bauten im Zentrum des großen Platzes naturgemäß eher klein, so präsentiert Ury dem Betrachter in einer Art Schlüssellochoptik lediglich einen sehr kleinen Ausschnitt des beeindruckenden Panoramas. Der Betrachter fühlt sich gleich weniger verloren. Durch das relativ große Ausmaß der Säule wirkt das im Hintergrund befindliche Gebäude sogar geradezu niedlich. Die große Säule gibt der Komposition vielmehr Halt und verleiht der Darstellung seine Kraft.

Urys Interesse besteht also nicht in erster Linie darin, die architektonische Beschaffenheit der beeindruckenden Bauten wiederzugeben. Vielmehr scheint ihm vor allem daran gelegen, mit der Wahl des Bildausschnitts und den kompositorischen Möglichkeiten zu experimentieren, um seinen Bildideen Ausdruck zu verleihen. Hierin zeigt er gekonnt sein großes Talent. Auch liegt ihm das Wechselspiel von gleißendem Sonnenlicht und den dunklen Schatten am Herzen. „Ury sieht in Italien nicht Museen und Traditionen, sondern nur Landschaft und Licht“ fasst Lothar Brieger, ein Freund des Künstlers, treffend dessen Sicht auf seine Umgebung und damit die erhebliche Bedeutung der Italienreise für das Œuvre von Lesser Ury zusammen.2)

Auffallend ist auch, dass die Bilder der Italienreise im Vergleich zu früheren Arbeiten ein deutlich helleres und oftmals reduziertes Kolorit aufweisen. So wird auch unser Bild von Weiß sowie Grau- und leichten Blautönen dominiert, die dem Bild eine besondere Leichtigkeit verleihen. Damit kündigt sich eine Entwicklung an, die sich später immer mehr zu einem Charakteristikum der Malerei Lesser Urys manifestiert: „Ury ist nicht auf Wiedergabe der den Dingen anhaftenden Eigenfarbe aus“, sondern studiert „die Veränderungen, denen diese Eigenfarbe durch die Entwicklung atmosphärischer Einflüsse und durch das nachbarliche Zusammenstoßen verschiedenartiger Farbenelemente ausgesetzt ist.“3)

Anm.: 1)Auszeichnung der Akademie in Berlin , benannt nach dem jüdischen Schriftsteller Michael Beer (1800-1833)

2)Zit. nach Joachim Seyppel, Lesser Ury. Der Maler der alten City. Leben – Kunst –Wirkung, Berlin 1987, S. 67

3)Franz Servaes, „Lesser Ury“, in: Die Zukunft 33, Berlin 1900, S. 336.

Über Lesser Ury

Lesser Urys Ölgemälde und Pastelle seiner Heimatstadt Berlin zählen zu den bedeutendsten Frühwerken des deutschen Impressionismus.

Weitere Werke