Renée Sintenis, Junge mit Reh
© VG Bild-Kunst, Bonn

Bronze

h = 30 | h = 11 3/4 in

Signiert mit dem Monogramm auf der Oberseite der Plinthe sowie mit dem Gießerstempel "H. Noack, Berlin" auf der Rückseite der Plinthe

Auflage laut Werkverzeichnis sind drei Exemplare bekannt

Werkverzeichnis Buhlmann 1987 Nr. 77; Bestandskatalog Berger/Ladwig 2013 Nr. 202

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Provenienz

Privatsammlung Berlin

Ausstellungen
  • Städtisches Museum, "Renée Sintenis. Plastik. Graphik. Handzeichnungen", Mühlheim/Ruhr 1962
  • Haus am Waldsee, "Renée Sintenis – Das plastische Werk, Zeichnungen, Graphik", Berlin 1958
Literatur
  • Ursel Berger/Günter Ladwig (Hg.), "Renée Sintenis – Das plastische Werk", Berlin 2013, Nr. 202
  • Britta E. Buhlmann, "Renée Sintenis – Werkmonographie der Skulpturen", Darmstadt 1987, Nr. 77
  • Städtisches Museum, "Renée Sintenis. Plastik. Graphik. Handzeichnungen", Ausst.-Kat., Mühlheim/Ruhr 1962, Nr. 13
  • Senator für Volksbildung/Haus am Waldsee, "Renée Sintenis – Das plastische Werk, Zeichnungen, Graphik", Ausst.-Kat., Berlin 1958, Nr. 99
  • Hanna Kiel, "Renée Sintenis", Berlin 1956, S. 96

Renate Alice Sintenis wird am 20. März 1888 in Glatz/Schlesien geboren. Wann sie sich für die kürzere, französische Variante ihres Namens Renée entscheidet – vielleicht auch als Reminiszenz an ihre französischen Vorfahren – lässt sich rückblickend nicht mehr in Erfahrung bringen. Der Schauplatz ihrer Kindheit ist das kleinstädtische Neuruppin. Hier eröffnet sich dem jungen Mädchen eine ländlich geprägte, liebliche Welt mit herumtollenden Haus- und Hoftieren, die später Eingang in ihr künstlerisches Schaffen finden werden. Bereits aus jener Zeit sind Pferdeköpfe auf den Seiten ihrer Schulhefte überliefert. Nach einer Station in Stuttgart siedelt die Familie schließlich nach Berlin über, wo Renée Sintenis von 1908 bis 1912 die Kunstgewerbeschule besucht. Zunächst von den Eltern in der künstlerischen Ausbildung unterstützt, muss sie schließlich eine Sekretärinnenlehre aufnehmen. Gegen den elterlichen Willen schreibt sie sich jedoch wieder an der Kunstgewerbeschule ein. Und obwohl der sich daran anschließende Übergang zur freischaffenden Künstlerin nicht bruchlos verläuft, beginnt um 1915 der berufliche Aufstieg.

Hatte Sintenis sich zunächst auch in der Malerei ausbilden lassen, entdeckt sie doch nach kurzer Zeit ihre Vorliebe für die Bildhauerei, auf die sie fortan ihr Hauptaugenmerk richtet. Das Herausschlagen der Form aus einem Stein mit Meißel und Hammer entsprach dabei jedoch nicht ihrer künstlerischen Intention. Sie ist daher weniger Bildhauerin, sondern vielmehr Plastikerin, die aus weichen, geschmeidigen Materialien wie Wachs und Gips die Modelle für spätere Bronzegüsse formt. Direkt unter ihren Händen findet das Werk gleichsam seinen Ausdruck und seine Form.1) Neben einzelnen Portraits sind es insbesondere zwei Motive, die sich wie ein Leitfaden durch ihr künstlerisches Œuvre ziehen: der Akt – mit Frauenfiguren, Knabenstatuetten oder Sportlerfiguren – und die Tierdarstellung. Ihre produktivsten und erfolgreichsten Jahre liegen dabei zwischen 1920 und 1950. Unsere Bronzeplastik „Junge mit Reh“ entsteht am Ende dieser ergiebigen Schaffens- periode und verdeutlicht, dass Sintenis auch nach 1945 an den bewährten Formenfundus anknüpft und in unserer Plastik sogar eindrucksvoll beide Hauptthemen ihres Werkes miteinander verbindet.

Die Probleme der Gegenwart bleiben in ihrer Kunst außen vor, vielmehr sind ihre Arbeiten ein Gegenentwurf zum Zeitgeschehen, indem sie ihren Blick auf eine Wunschwelt richtet. Sintenis sehnt sich nach einem harmonischen Zusammenleben von Mensch und Tier fernab der vielen Sorgen und Ängste ihrer Zeit. Gerade jenes Streben nach Einklang und die Begeisterung für das Kreatürliche führt Sintenis zu kleinformatigen Arbeiten, die ohne falsches Pathos geschaffen sind. „Diese kleinen Dinge, die durch die Vollkommenheit ihrer Gestalt und die glückliche Erfassung intensiven Lebens entzücken, haben einen hohen Verwandtschaftsgrad mit allem Lyrischen: einem Lied, einem Aquarell, einem Gedicht. Sie sind verdichtete Kunst, Kristalle vieler Erfahrungen und Beobachtungen, innig in der Macht, die sie ausüben, mächtig in der Innigkeit, die sie gebildet hat.“2)

Mit beschützendem Gestus hält in unserer Plastik „Junge mit Reh“ der nackte Knabe das kleine Reh fest umschlossen vor seiner Brust. In sich ruhend, aber im Lauf befindlich charakterisiert Sintenis ihn als anmutigen, mitfühlenden Knaben einer christ-lichen Hirtengestalt gleich. Mit Bedacht hebt er den Fuß für den nächsten Schritt. Schlank ist die Statur des Knaben und lang gezogen sind seine Gliedmaßen, so dass die Schutzbedürftigkeit des kleinen Tieres noch eindringlicher in Erscheinung tritt. Der Kopf des Jungen ist leicht gesenkt, um dem Reh innige Anteilnahme zu vermitteln und sicheren Halt zu geben. Die in sich geschlossene Komposition verdeutlicht eindringlich das wohlwollende Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Die Plastik ist durch eine bewegte Oberflächengestaltung geprägt. Licht flackert und hüpft über die teils glatte und teils aufgeraute Haut. Dadurch verleiht Sintenis dieser Bronzearbeit, deren Patina goldbraun schimmert, einerseits Lebendigkeit, andererseits findet sich darin aber auch ein Anklang von Verletzlichkeit. Die einfühlsame Hinwendung des Menschen zum schutzlosen Tier nimmt in unserer Plastik „Junge mit Reh“ eindrucksvoll Form und Gestalt an.

Anmerkung.:

1) Vgl. Britta E. Buhlmann, „Renée Sintenis. Werkmonographie der Skulpturen“, Darmstadt 1987, S. 39.

2) Rudolf Hagelstange, „Der fruchtbare Moment“, in: Hagelstange/ Heise/ Appel (Hg.), „Renée Sintenis“, Berlin 1947, S. 12.

Über Renée Sintenis

Die deutsche Bildhauerin Reneé Sintenis wird 1931 als zweite Frau überhaupt in die Preußische Akademie der Künste berufen. Bekannt wurde die Pferdeliebhaberin vor allem für ihre zarten, handlichen Tierplastiken.

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