Sam Francis

Untitled (SF88-467)
1954/88

Sam Francis, Untitled (SF88-467)
© VG Bild-Kunst, Bonn

Tempera auf Papier

46 × 30 cm

Rückseitig signiert, "1954 to 1988" datiert und "finished 1988 Santa Monica" beschriftet

Registriert unter der Nr. SF88-467 im Archiv der Sam Francis Foundation, Pasadena, USA

Provenienz

Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (seit Anfang der 1990ern)

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Meisterwerke", Düsseldorf 2020, S. 26

Ein Ineinanderfließen von kräftigen Farben, organischen Formen und transluziden Flächen steht in dem Werk Untitled (SF88-467) exemplarisch für Sam Francis’ gestische Malerei des Abstrakten Expressionismus. In den amorphen Strukturen in Blau, durchzogen von smaragdgrünen Fäden mit gelben und blutorangenen Akzenten, oszilliert der Eindruck zwischen dem Erkennen von botanischen oder biomorphen Strukturen und dem Auffächern der Komposition in abstrakte Form- und Farbflächen. Die naturwissenschaftlichen Bezüge scheinen in seinem Frühwerk naheliegend, denn Francis beginnt 1941 Medizin und Psychologie an der Universität in Berkeley zu studieren, bis er zwischen 1943 bis 1945 zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in der U.S. Army als Kampfflieger eingesetzt wird. Bei einem Absturz in der kalifornischen Wüste erleidet er schwere Rückgratverletzungen. Die Zeit der Genesung prägt seinen weiteren Lebensweg – er beginnt zu malen und findet darüber schließlich zu seiner Berufung als Künstler.

»The hottest American painter in Paris these days«A, bezeichnete das Time Magazine Francis 1956, zwei Jahre nachdem er die Arbeit Untitled (SF88-467) begann. Geboren 1923 in San Mateo (USA) avancierte Samuel Lewis Francis, genannt Sam, zu einem Brückenbauer und Weltenbürger: Bern, Paris, Tokyo, Mexico City, New York, Northern und Southern California – sein künstlerisches Universum wird global. Beeinflusst von der jungen Kunst in Europa, die sich nach 1945 mit den Strömungen des Informel und Tachismus von der Figuration abwendend abstrakten Ausdruckformen zuwendet, entwickelt Sam Francis seinen unverkennbaren Stil im Kontext des Abstrakten Expressionismus. In Paris soll er 1953 Claude Monets Les Nymphéas in der Orangerie gesehen haben, die ihn in der Schaffensperiode der 1950er Jahre ebenso inspirierten.B 1957 reiste Francis erstmalig nach Japan und entdeckte eine für ihn nachhaltig prägende Kultur, Lebensart und Gesellschaft. Neben neuen Maltechniken, wie der Tuschemalerei und der Arbeit mit unterschiedlichen Papieren, standen seine Werke nun im Bezug zu seiner Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus. Die Entwicklung geht verstärkt hin zu einer Leere im Bild, die durch – und auch durch die – eine Präsenz der Malerei betont wird. Die Ambiguität im Werk manifestiert sich über die Jahrzehnte hinweg bis in die 1980er Jahre hinein – so auch durch die inhaltliche Nicht-Betitelung seiner Arbeiten. Dabei ermöglicht die Verwendung von Papier als Malgrund die Steigerung einer tieferen Farbwirkung, aber auch kompositorischer Spannungsmomente durch die Unmittelbarkeit des Farbauftrags. Doch das Interesse für die offene Struktur, das schnelle Einziehen sowie das scheinbar spontane Zerfließen der Farben auf Papier besteht bereits vor seiner Zeit in Japan.

1954 begonnen und 1988 offiziell vollendet steht das Werk Untitled (SF88-467) stellvertretend für das künstlerische Œuvre Sam Francis, aber zugleich auch für eine Zeitperiode in der Nachkriegszeit, die geprägt war von Aufbruch, Neubeginn, Euphorie, aber auch einer bewegten Geschichte sowie stetiger Internationalisierung.

Claudia E. Friedrich

Kunsthistorikerin, Rheinland

A »Religion: New Talent«, in: Time Magazine, Jan. 16, 1956.

B Peter Selz: »Sam Francis: The Fifties«, in: Sam Francis: The Fifties,

ed. by Cohen Gallery, New York 1993.

Über Sam Francis

Sam Francis zählt zu den bedeutendsten Vertretern der zweiten Generation des Abstrakten Expressionismus. Beeinflusst durch das europäische Art Informel und den Zen-Buddhismus, entwickelt er ein Œuvre, das die Idee der Leere mit der Anwesenheit der malerischen Präsenz zu vereinen sucht.

Weitere Werke
Publikationen zum Werk