George Grosz, Werbung
© Estate of George Grosz, Princeton, N.J. / VG Bild-Kunst, Bonn

Bleistift und Tinte auf Japanpapier

39,4 × 29,6 cm

Rückseitig mit dem Nachlassstempel versehen und "3 51 1" nummeriert

Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Papierarbeiten von Ralph Jentsch

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Expertise

Ralph Jentsch, Berlin/Rom

Provenienz

Atelier des Künstlers, Berlin (1921); Nachlass des Künstlers (1959); Privatsammlung USA; Galerie Gerda Bassenge (Auktion 26. Nov. 2011, Los 8095); Privatsammlung; Karl & Faber, München (4. Dez. 2014, Los 519); Privatsammlung Europa (2014-2022)

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, Neuerwerbungen Frühjahr 2023, Düsseldorf 2023
  • Royal Academy of Arts, "The Berlin of George Grosz – Drawings, Watercolours and Prints 1912-1930", 20. März - 8. Juni, London 1997
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2023", Düsseldorf 2023, S. 44
  • Royal Academy of Arts (Hg.), "The Berlin of George Grosz – Drawings, Watercolours and Prints 1912-1930", Ausst.-Kat., London 1997, Nr. 92

Die Tuschezeichnung »Werbung« ist ein sehr gelungenes Beispiel aus Grosz‘ bedeutender Berliner Schaffensperiode. Mit kalkuliert gesetzten Linien präsentiert der Künstler den Betrachter:innen Episoden und Beobachtungen, die er kompositorisch zu einem Sittenbild der Gesellschaft zwischen den beiden Kriegen verwoben hat. Die Figuren wirken zunächst als ob sie sich in dem für die Neue Sachlichkeit so typischen Zustand eines isolierten Zusammenseins befinden würden. Grosz stellt jedoch Bezüge her und zeigt in seiner Darstellung von drei Männern und acht Frauen vor allem, dass Männer nach dem herben Ersten Weltkrieg Mangelware waren. Während die Männer allesamt gekleidet sind, werden die Frauen nackt oder nur mit hauchdünner Unterbekleidung dargestellt. Der schonungslos männliche Blick seiner Zeit verdeutlicht sich hier sehr eindrücklich. Als Bühne verwendet Grosz einen nicht näher bezeichneten Stadtraum, der lediglich durch die im Hintergrund be­findlichen Häuser definiert und begrenzt wird.

Im Vordergrund befindet sich ein Tisch, an dem ein älterer Herr mit Glatze, Schnauzer und einem zeittypischen Zwicker sitzt. Sein zweireihiger Mantel, Stehkragen und Fliege verdeutlichen, dass er wohlsituiert sein muss. Seine ganze Aufmerksamkeit schenkt er der links neben ihm befindlichen Frau. Er dreht sich ihr zu und legt seine linke Hand vorsichtig auf ihren Arm. Mit seinem anderen Arm scheint er sie im Verborgenen hinter ihrem Rücken anzufassen. Er dreht ihr seinen Kopf zu und spitzt seine Lippen sehr deutlich zum Kuss. Er wirbt ganz offensichtlich um sie. Ihre linke Hand hingegen liegt auf der vor ihr platzierten Bibel und die andere Hand bewegt sich wie selbstverständlich zum Kreuz, das sie an einer Kette um ihren Hals trägt. Sie ist ganz offensichtlich eine glaubensfeste Dame, die nicht so leicht zu haben ist. Auf den zweiten Blick fällt dem Betrachter jedoch auf, dass sie zwar den Kopf nicht zu ihm herumdreht und dass es auch noch lange nicht zum Kuss kommt, dass aber auch sie ihre Lippen ein wenig zur Seite spitzt und ihm so ein Zeichen gibt, dass die Werbung Erfolg hatte. Rechts neben ihm befindet sich am selben Tisch eine weitere weibliche Figur, die gedankenverloren und teilnahmslos ins Leere schaut, während sie ein kleines Wein- oder Schnapsglas umfasst, das neben einer Flasche auf der Tischplatte vor ihr steht. Im Gegensatz zur vollständig entblößten Nebenbuhlerin trägt sie noch ein transparentes Nachthemd. Der Mann hat ihr allerdings sehr deutlich den Rücken zugedreht und schenkt ihr keinerlei Beachtung.

Zwischen der Bibel und der Schnapsflasche liegt eine stachelige Rose auf dem Tisch, die Liebe und Schmerz innerhalb dieser Dreierkonstellation verkörpern mag. Im Mittelgrund werben wiederum leicht bekleidete Damen um die wenigen Männer, die dort als Freier durch das Rotlichtviertel Berlins ziehen.

Der Titel »Werbung« hat in der Zeichnung einen eindeutig sexuellen Bezug und schildert auf eindrückliche Weise, wie omnipräsent die Lust in der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin gewesen sein und welch groteske Züge das Gebaren der Männer angenommen haben mag. Auch wenn in seinem Werk Einflüsse des Expressionismus, Futurismus, der Neuen Sachlichkeit und des Dadaismus zu erkennen sind, gelingt es Grosz wie keinem Zweiten mit seinem einzigartigen Stil Gesellschaftskritik zu äußern, die den Untergang des Wilhelminischen Kaiserreichs, die Wirren der Weimarer Republik und die Gefahren des Nationalsozialismus bereits in seinen Blättern vorwegnehmen und später auf dramatische Weise veranschaulichen und für die heutigen Betrachter:innen nachvollziehbar machen.

Alle Gesichter und Körper sind in Grosz‘ typischer Manier grotesk überzeichnet und wirken wie Karikaturen. Grosz teilte Baudelaires romantische Faszination für Untergrund- und Außenseiterfiguren – Kriminelle, Gangster, Soldaten, Selbstmordopfer, das Proletariat und Huren.

Über George Grosz

Der deutsch-amerikanische Maler und Karikaturist George Grosz zählt zu den Hauptvertretern der Neuen Sachlichkeit. Mit seinen scharfsinnigen Illustrationen der wilhelminischen Gesellschaft übte er Kritik an den politischen und sozialen Umständen in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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