Hans Purrmann

Villa mit Balkon und Markisen (Castiglioncello)
1938

Hans Purrmann, Villa mit Balkon und Markisen (Castiglioncello)
© VG Bild-Kunst, Bonn

Aquarell und Bleistift auf Bütten

39 × 57 cm

Signiert

Auf der Rückseite befindet sich eine weitere Bleistiftzeichnung einer Landschaft

Werkverzeichnis Lenz/Billeter 2008 Nr. W 1938/25

Expertise

Registriert im Hans Purrmann Archiv unter der Nr. 2152

Provenienz

Sammlung Prof. Herbert Gericke, Rom (ehemaliger Direktor der Villa Massimo); Nachlass Herbert Gericke

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2018", Düsseldorf 2018
Literatur
  • Christian Lenz/Felix Billeter, "Hans Purrmann – Aquarelle und Gouachen. Werkverzeichnis", Ostfildern 2008, Nr. W1938/25

Nach seinem Studium in Karlsruhe und München zieht es Hans Purrmann im Jahr 1904 zunächst nach Berlin und von dort weiter nach Paris, dem Zentrum der modernen Kunst der damaligen Zeit. In Paris liefern ihm insbesondere der enge Kontakt zu Henri Matisse und dessen Gefährten sowie die intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Paul Cézannes entscheidende Impulse für sein eigenes künstlerisches Schaffen. Vom Kriegsausbruch 1914 bis in die 1930er Jahre lebt und arbeitet Purrmann in Stuttgart, Berlin und Langenargen am Bodensee. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird auch die Kunst Purrmanns als »entartet« diffamiert. Seine Gemälde und Papierarbeiten werden aus öffentlichen Sammlungen entfernt und ein freies Arbeiten in seinem Heimat­land ist fortan nicht mehr möglich. Purrmann siedelt auf der Suche nach einer neuen Wirkungsstätte nach Italien über, wo er 1935 die Verwaltung der Deutschen Künstlerstiftung Villa Romana in Florenz übernimmt.

Auf zahlreichen Reisen u.a. nach Siena, Trient, Venedig und Montagnola entdeckt Purrmann in den folgenden Jahren die Schönheit der südlichen Landschaft und der darin eingebetteten, malerischen Orte. Die Vegetation und die regionale Architektur werden zu seinen bevorzugten Motiven, die er vorrangig in kolorierten Zeichnungen und Aquarellen festhält. 1938 zieht es ihn in den idyllischen Küstenort Castiglioncello, dessen reich bepflanzte Gärten und prachtvolle Villen er auf dem Papier festhält: Mal entstehen flüchtig angelegte Werke skizzenhaften Charakters, mal detailliert ausgeführte präzise Darstellungen.

Unser Aquarell »Villa mit Balkon und Markisen (Castiglioncello)« zeigt eine herrschaftliche Villa, halb versteckt zwischen blühenden Büschen und Bäumen. Die grünen Fensterläden sind in der Mittagshitze ganz oder halb geschlossen und über der Veranda im ersten Stock spannen sich schattenspendende Markisen. Von der Begrenzung der Anlage gibt die wuchernde, üppige Bepflanzung lediglich zwei Pfeiler preis, die ein kunstvoll-filigranes Gartentor halten, das auf die reizvollen architektonischen Details des Hauses Bezug nimmt. Eine begrenzende Mauer oder ein Zaun sind hinter der Vegetation nicht mehr erkennbar.1 Vegetation und Architektur stehen einander im vorliegenden Werk – wie so häufig in Purrmanns italie­nischen Arbeiten dieser Zeit – gleichwertig gegenüber. Zum einen kommt hier sein ausgeprägtes Interesse an der Baukunst zum Tragen. Zum anderen nutzt Purrmann die geraden Linien der klar begrenzten Architekturen, um den weniger kontrollierten, organischen Formen der Vegetation Halt zu geben. Auf diese Weise erzielt er eine klare Bildkomposition, ohne die überbordende Vegetation nebensächlich werden zu lassen. Während sich jenes Zusammenspiel aus Natur und Zivilisation als Konstante durch das in Italien entstandene Werk zieht, zeigt sich Purrmann hinsichtlich seiner Arbeitsweise umso experi­mentierfreudiger. Häufig setzt er dasselbe Motiv mehrmals und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven um. So zeugt die blattfüllende Bleistiftskizze der Villa in Castiglioncello auf der Rückseite davon, dass Purrmann das dar­gestellte Haus aus unterschiedlichen Perspektiven mit schnellem aber sehr gekonntem Strich einzufangen versuchte. Den jeweils gelungensten Versuch scheint er dann aquarellierend fortgeführt zu haben.

Der azurblaue Himmel, das helle Rosé der Fassade und das weitgehend auf sanfte Pastelltöne beschränkte Kolorit der Pflanzen lassen das flirrende südliche Licht und die mittägliche Hitze in der vorliegenden Darstellung fast körperlich spürbar werden. Die Szene erscheint leicht und anmutig, auch weil Purrmann diese auflockert, indem er den umlaufenden Blattrand teilweise frei lässt. Christian Lenz erläutert diese Vorgehensweise treffend: »Die zugrunde liegende Zeichnung ist unter der aufgetragenen Farbe nicht mehr in allen Fällen sichtbar, in manchen aber hat Purrmann sie […] bei etlichen seiner Aquarelle auch im Endstadium mit der Farbe zusammenwirken lassen. So oder so ist sie wichtig, weil sie dem Aquarell ein Gerüst gibt, Stabilität gegen die flüssige Farbe und weil sie nicht nur die Großformen, sondern auch mancherlei Details festlegt.«2 Auch in unserem Aquarell »Villa mit Balkon und Markisen (Castiglioncello)« setzt der Künstler die Bleistiftzeichnung nicht als lediglich vorbereitenden Schritt ein, sondern stellt sie dem Aquarell gleichwertig gegenüber. Sie stellt ein besonders gelungenes Beispiel für die typische Arbeitsweise Purrmanns dar, fügen sich die lavierten Flächen, die gezielt gesetzten kräftigen Pinselstriche und die filigranen Bleistiftlinien doch zu einem äußerst harmonischen und zugleich lebhaften Dialog zusammen.

1 Vgl. hierzu »Italienische Villa (Castiglioncello)« ebenfalls von 1938 (Werkverzeichnis Lenz/Billeter 2008 Nr. W 1938/26), wo Hans Purrmann die Mauer und das Geländer ausführt.

2 Christian Lenz/Felix Billeter, »Hans Purrmann – Aquarelle und Gouachen. Werkverzeichnis«, Ostfildern 2008, S. 12.

Über Hans Purrmann

Der aus Speyer stammende Maler Hans Purmann fand über die Anregungen der französischen Avantgarde zu einer ganz individuellen Form der Malerei, die sich durch einen Umgang mit möglichst unvermischten Farben kennzeichnet.

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