Jean Dubuffet

Église II
1964

Jean Dubuffet, Église II
© VG Bild-Kunst, Bonn

Filzstift auf Papier

25 × 26,5 cm

Signiert mit dem Monogramm und "64" datiert sowie rückseitig "13 avril 1964" datiert, betitelt und "H 25" beschriftet

Werkverzeichnis Loreau 1995 Nr. 301

Provenienz

Privatsammlung USA (1995); Galerie Saidenberg New York; Privatsammlung Norditalien

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, Neuerwerbungen Frühjahr 2021, Düsseldorf 2021
Literatur
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2021", Düsseldorf 2021, S. 16
  • Max Loreau, "Catalogue des travaux de Jean Dubuffet. L’Hourloupe I", Fascicule XX, Paris 1995, Nr. 301, S. 148

Zu Beginn steht Jean Dubuffets zeichnerisches Werk in der Kritik unbeholfen, grob, wackelig zu sein – wie von einem Kind gemalt. Doch mit der künstlerischen Weiterentwicklung und dem Ansehen, das Dubuffet schnell erlangt1, ändert sich diese Betrachtungsweise. Dubuffet reduziert den Anspruch, seine Hand zu lenken. Für ihn ist es die Hand selbst, »als inkarniertes

Bewusstsein«. So schreibt man bereits 1964, dass Dubuffets Zeichnung auf ihre illusionistische Kraft verzichte und sich selbst als materielle Nachzeichnung begreife, die die abbildende Absicht durchkreuze.2

»Ich glaube, dass man in allen meinen Werken ständig, und schon seit ihren Anfängen 1942, einen Stimmungswechsel finden kann, der mich dazu bringt, manchmal die Besonderheit der figurativen Gegenstände zu betonen - einen Akzent, den man expressionistisch nennen könnte, nicht ohne karikaturistischen Exzess – und manchmal im Gegenteil diese Besonderheit nur reduziert zu berücksichtigen, indem ich eine Welt annehme, in der die Gegenstände keine eigene Individuation mehr haben, kaum noch identifizierbar sind. Diese beiden Stimmungen sind zwar widersprüchlich, werden aber (fast immer) miteinander verbunden oder kurzgeschlossen.«3

Dubuffet zeichnet seine Werke aus einem Guss. Er setzt den Stift nicht ab. Die Hand führt sich selbst über das Blatt und richtet sich nach der Materie, die das menschliche Auge sieht. In unserer Zeichnung »Église II« von 1964 (zeitlich einzuordnen als Teil der sogenannten Hourloupe Serie) bildet sich ein Konstrukt aus Linien. Die Hand führt eigenständig, unkontrolliert die Linien nach, die das Auge anhand des Gesehenen vorgibt. Der Künstler schafft Flächen verschiedener Tiefenordnung, in dem er eine Schraffur in die Flächen füllt. Die enger gesetzten Linien wirken so kompakter entgegen den leeren Flächen und fordern den Geist auf, hierin die besagte Kirche als Gebäude zu sehen.

Durch den Titel versuchen wir als Betrachter die Kirche (franz. eglise) aus der Zeichnung herauszulesen. Doch Dubuffet selbst sagte bereits, dass die Gegenstände an individuellen Eigenschaften und identifizierbaren Zügen verlieren und die Zeichnung nicht als Illustration, sondern als in sich eigene Nachzeichnung, die durch die künstlerische Hand entsteht, fungiere. Das Werk steht für sich und nur dadurch ist es existent und soll keine Abbildung evozieren. Jean Dubuffet befasst sich zeitgleich mit eigenen Texten über die Kunst. Für ihn ist es von besonderem Interesse sich nicht nur handwerklich diesem Medium zu nähern, sondern sich auch geistig damit auseinanderzusetzen. 1945 begründet er die Kunstrichtung »Art brut« (= Antiintellektuelle Kunst).

1 Bereits 1947 hatte er erste Ausstellungen.

2 Fondation Suisse, »Bulletin annuel de la Fondation suisse«, N13,A1964, Paris 1964, S. 42.

3 Vgl. Original franz. »L’homme du commune à l’ouvrage«, in: Jean Dubuffet: livres et estampes, récents enrichissements, Ausst.-Kat. Bibliothèque nationale, Paris 1982, S. 5.

Über Jean Dubuffet

Jean Dubuffet zählt als Maler und Bildhauer zu den wichtigsten Vertretern französischer Nachkriegskunst. Als wichtiger Kunstschriftsteller prägt er 1945 den Begriff „art brut“. Begonnen als Surrealist entwickelt er eine anti-intellektuelle Kunst, in der er sich von Traditionen zu befreien sucht.

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