Jorinde Voigt
Pacientia-Studie 7
2020
Tusche, Blattgold, Pastell, Ölkreide, Grafit auf Papier
76,1 × 57,4 cm
Signiert, "Feb-Mai 2020/Berlin" datiert und betitelt
Online-Werkverzeichnis Nr. WV 2020-055
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Collectors Room, Hamburg; Privatsammlung Hamburg
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026/2027
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026, S. 166
Seit den frühen 2000er-Jahren entwickelt Jorinde Voigt ein vielschichtiges Œuvre, das sich durch die Verbindung analytischer Systeme mit subjektiven Erfahrungsräumen auszeichnet.
Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Praxis ist die Frage, wie immaterielle Phänomene, etwa Raum und Zeit, Körper und Bewegung, Erinnerung und Emotion, Klang oder soziale Interaktion, in visuelle Strukturen überführt werden können. Hierzu entwickelt die Künstlerin eigenständige Regelwerke und Notationssysteme, die wissenschaftlichen Diagrammen, kartografischen Modellen oder musikalischen Partituren ähneln. Die Arbeiten zeichnen sich durch eine hohe Dichte an Informationen aus, die sich einer linearen Lesbarkeit entziehen und stattdessen multiple Zugänge eröffnen. Das Bild wird zu einem Feld simultaner Wahrnehmungs- und Bedeutungsprozessen, in dem Rationalität und Intuition, Systematik und Imagination produktiv aufeinandertreffen.
Seit 2013 erweitert Voigt ihre ursprünglich streng analytische Bildsprache zunehmend um gestische und farbintensive Elemente. Collagen, Fotografien, großformatige Farbfelder oder wie in unserem Fall Blattgold treten in Dialog mit den diagrammatischen Strukturen.
Die Pacientia-Serie ist vom gleichnamigen Kupferstich des Renaissance-Künstlers Hans Sebald Beham aus dem Jahr 1540 inspiriert. Vom ursprünglichen Werk vermag man hier jedoch nichts mehr zu erkennen. Vielmehr erinnern die in verschiedenen Blautönen changierenden, diagonal verlaufenden Farbverläufe des Hintergrunds an ein Unterwasserszenario. Sonnenstrahlen, scheinen von links oben in das Dunkel eines Sees oder des Meeres in die Tiefe hinabzustrahlen. Die goldenen, wellenförmigen Linien, die sich quer über darunter liegende weitere Wellenlinien in weiß und rot ziehen, erscheinen wiederum wie eine Spiegelung von abendlichem Sonnenlicht. Eine amorphe Form in der oberen linken Bildecke umgibt eines von Voigts typischen, mit Pfeilen und Beschriftungen versehenen Notationssystemen.
Indem Voigt komplexe Erfahrungszusammenhänge in visuelle Systeme überführt, schafft sie Bildräume, die gleichermaßen analytische Präzision und ästhetische Vieldeutigkeit entfalten. Ihre Zeichnungen fungieren nicht als Abbilder der Wirklichkeit, sondern als Modelle ihrer möglichen Ordnungen und eröffnen damit neue Perspektiven auf die Beziehung zwischen Denken, Wahrnehmen und Darstellen. Eben dieser Dialog verleiht dem Werk eine neue sinnliche und materielle Dimension.