Meer mit Dampfer
Emil Nolde
«Meer mit Dampfer»
Aquarell und Tuschfeder auf Japan ; um 1945/48 ; 23,8x21,3cm
Signiert
Trotz der harten und stürmischen Zeit und der Krankheit seiner

geliebten Ehefrau Ada, gelingt es Emil Nolde nach der „Inneren

Emigration“ während des Zweiten Weltkrieges weiterhin an sein

malerisches Werk anzuknüpfen: „Ich hatte bereits im ersten Sommer

danach recht glücklich gemalt und konnte noch malen! Man

wusste es selbst kaum mehr, ob es noch möglich sei. […] Im folgenden

Sommer ging es noch besser: Es war mir wie aufgespeicherte,

innigste Empfindungen, die sich zu lösen vermochten […]

Die Farben flossen, in Akkorden sich gebend.“1)

Angetrieben von seinen Dampfrädern bahnt sich das Schiff den

Weg durch die violett leuchtende See in den am Horizont liegenden

flammenden gelben Himmel hinein. Das Aquarell fängt

in seinen konträren Farben einen sich zu Ende neigenden Tag

ein. Mit dunkeln Tuschestrichen deutet Nolde den Dampfer, die

Rauchschwaden, die aus den Schornsteinen emporsteigen und die

Fahrtwellen an. Das Schiff wirkt isoliert in seinem Umfeld und

befindet sich in einem schwebenden Zustand, welcher häufig in

Noldes Bildern zu finden ist. Greifbar nahe scheint das Schiff,

aber durch die Transparenz der Aquarellfarben entrückt. Typisch

für den norddeutschen Maler sind auch hier die farbenprächtigen

Wetterspiele, die grenzelose Weite des Himmels und die sich empor

türmenden Wolkenformationen, die den Betrachter in seinen

Bann ziehen. Nolde besinnt sich an eine frühere Fahrt auf einem

kleinen Dampfer: „Dieser Tag ist mir so stark in Erinnerung geblieben,

dass jahrelang nachher ich danach meine Meerbilder

malte. Falls ein Sturzsee mich über Bord gespült und ich im Element

zwischen Leben und Tod hätte kämpfen müssen - ob ich

dann wohl das Meer noch mächtiger würde malen können?“2)

Zeit seines Lebens folgt Nolde der Natur und das Meer nimmt in

seinem OEuvre einen wichtigen Platz ein. Schon 1901 malt er in

Kopenhagen seine ersten in Grau gehaltenen Meeresimpressionen,

die er im fast jährlichen Rhythmus immer wieder abbildet.

Die Bildelemente Meer, Himmel und Licht stehen für Nolde für

die Vorstellung von Freiheit, Weite und ein Gefühl für Unendlichkeit.

Unser Aquarell drückt Noldes große Hoffnung, auf die

wieder gewonnene Freiheit und den Frieden aus.

Anm.: 1) Emil Nolde, „Mein Leben“, Köln 2008, S. 435f.

2) Martin Urban, „Emil Nolde – Landschaften. Aquarelle und Zeichnungen“,

Köln 1980, S. 32.
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