Trotz der harten und stürmischen Zeit und der Krankheit seiner
geliebten Ehefrau Ada, gelingt es Emil Nolde nach der „Inneren
Emigration“ während des Zweiten Weltkrieges weiterhin an sein
malerisches Werk anzuknüpfen: „Ich hatte bereits im ersten Sommer
danach recht glücklich gemalt und konnte noch malen! Man
wusste es selbst kaum mehr, ob es noch möglich sei. […] Im folgenden
Sommer ging es noch besser: Es war mir wie aufgespeicherte,
innigste Empfindungen, die sich zu lösen vermochten […]
Die Farben flossen, in Akkorden sich gebend.“1)
Angetrieben von seinen Dampfrädern bahnt sich das Schiff den
Weg durch die violett leuchtende See in den am Horizont liegenden
flammenden gelben Himmel hinein. Das Aquarell fängt
in seinen konträren Farben einen sich zu Ende neigenden Tag
ein. Mit dunkeln Tuschestrichen deutet Nolde den Dampfer, die
Rauchschwaden, die aus den Schornsteinen emporsteigen und die
Fahrtwellen an. Das Schiff wirkt isoliert in seinem Umfeld und
befindet sich in einem schwebenden Zustand, welcher häufig in
Noldes Bildern zu finden ist. Greifbar nahe scheint das Schiff,
aber durch die Transparenz der Aquarellfarben entrückt. Typisch
für den norddeutschen Maler sind auch hier die farbenprächtigen
Wetterspiele, die grenzelose Weite des Himmels und die sich empor
türmenden Wolkenformationen, die den Betrachter in seinen
Bann ziehen. Nolde besinnt sich an eine frühere Fahrt auf einem
kleinen Dampfer: „Dieser Tag ist mir so stark in Erinnerung geblieben,
dass jahrelang nachher ich danach meine Meerbilder
malte. Falls ein Sturzsee mich über Bord gespült und ich im Element
zwischen Leben und Tod hätte kämpfen müssen - ob ich
dann wohl das Meer noch mächtiger würde malen können?“2)
Zeit seines Lebens folgt Nolde der Natur und das Meer nimmt in
seinem OEuvre einen wichtigen Platz ein. Schon 1901 malt er in
Kopenhagen seine ersten in Grau gehaltenen Meeresimpressionen,
die er im fast jährlichen Rhythmus immer wieder abbildet.
Die Bildelemente Meer, Himmel und Licht stehen für Nolde für
die Vorstellung von Freiheit, Weite und ein Gefühl für Unendlichkeit.
Unser Aquarell drückt Noldes große Hoffnung, auf die
wieder gewonnene Freiheit und den Frieden aus.
Anm.: 1) Emil Nolde, „Mein Leben“, Köln 2008, S. 435f.
2) Martin Urban, „Emil Nolde – Landschaften. Aquarelle und Zeichnungen“,
Köln 1980, S. 32.
Emil Nolde
Nolde, 1867 - 1956, Seebüll
Emil Nolde
«Meer mit Dampfer»
Aquarell und Tuschfeder auf Japan ; um 1945/48 ; 23,8x21,3cm
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