Josef Scharl

Schlafendes Kind
1928

Josef Scharl, Schlafendes Kind
© Susanne Fiegel

Öl auf Leinwand

45 × 68 cm

Signiert und datiert

Werkverzeichnis Firmenich/Lukas 1999 Nr. 130

Provenienz

Galerie J.B. Neumann und G. Franke München; Privatsammlung Schweiz

Ausstellungen
  • Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2020", Düsseldorf 2020
Literatur
  • Andrea Firmenich (Hg.), "Joseph Scharl. Monographie und Werkverzeichnis", Köln 1999, Nr. 130

Nach einer Ausbildung zum Dekorationsmaler an der Münchener Malerschule und seinem Dienst im Ersten Weltkrieg schreibt sich Josef Scharl an der Münchener Kunstakademie ein. Scharl beendet das Studium allerdings frühzeitig, um sich autodidaktisch weiterzuentwickeln. In der Kunstszene macht er sich mit seinem eigenständigen Stil zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit schnell einen Namen und wird eingeladen, sich an den Ausstellungen der Neuen Münchner Sezession und der Juryfreien zu beteiligen, in der das vorliegende Gemälde »Schlafendes Kind« 1928 bzw. 1929 gezeigt wird.

Scharl präsentiert uns den schlafenden Jungen in einem sehr eng gewählten Bildausschnitt aus nächster Nähe. Das Kind schläft in seiner Alltagsbekleidung – einer kurzen braunen Hose, langen Strümpfen, Lederschuhen, einem rotbraunen Pullover und einer grünen Weste. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei dem Dargestellten um Alois Scharl handelt, der zum Entstehungszeitpunkt unseres Gemäldes sechs Jahre alt war. Scharl präsentiert das Kind in einer sehr fürsorglichen Weise und trotz aller Kargheit der geschilderten Umstände umgibt das Kind keine Kälte. Auch ohne Decke liegt es friedfertig auf dem Holzboden. Das goldene Licht auf dem Gesicht und den Händen lassen die Vermutung aufkommen, dass sich außerhalb der Darstellung im linken unteren Bereich vielleicht ein Kamin befunden haben mag.

Die Vitalität des Expressionismus hallt in Scharls gefühlsbetonten Werken der 1920er Jahre noch sehr deutlich nach. Der Künstler besinnt sich in diesen der aufkeimenden Moderne am Ende des 19. Jahrhunderts und der Einfluss der vital gesetzten Strichlagen Van Goghs auf den expressiven Duktus Scharls wird sehr deutlich.1 Scharls Bilder sind jedoch ruhiger und grafischer als diejenigen seines Vorbilds. Die Kompositionen sind flächiger angelegt und die reduziertere Farbpalette tendiert mehr in die Richtung der nüchterneren Bildsprache der Neuen Sachlichkeit.

Unter den Nationalsozialisten erhält er Mal- und Ausstellungsverbot und emigriert 1938 nach einer Einladung des Museum of Modern Art in NY zur Teilnahme an einer internationalen Ausstellung nach Amerika. Es dauerte lange, bis sein in Vergessenheit geratenes Werk auch in Deutschland wiederentdeckt wurde. Erst in jüngster Zeit konnten wichtige Einzelausstellungen in der Kunsthalle Emden (1999/2000), am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt (2016/17) und im Ernst-Barlach-Haus in Hamburg (2018) das spannende Werk Josef Scharls wieder in Erinnerung rufen. Unser Gemälde wurde letztmalig 1932 im Graphischen Kabinett J.B. Neumann & Franke in München ausgestellt und galt seither als verschollen. Es darf in vielerlei Hinsicht als eine ganz wunderbare Wiederentdeckung gelten.

1 Josef Scharl ist aktuell auch in der Ausstellung »Making Van Gogh. Geschichten einer deutschen Liebe« im Städel Museum in Frankfurt zu sehen und im begleitenden Katalog inbegriffen.

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