Hermann Max Pechstein
Abend am Lebaausfluss
1933
Öl auf Leinwand
60 × 90 cm
Signiert mit dem Monogramm und datiert sowie rückseitig signiert und "Abend am Lebaausfluss/Berlin W. 62./Kurfürstenstr. 126" beschriftet
Werkverzeichnis Soika 2011 Nr. 1933/9 („Abend in Leba“)
Gutachten: Prof. Dr. Aya Soika, Berlin 19. März 2026
Atelier des Künstlers (-1943); Privatsammlung Berlin (direkt beim Künstler erworben, in Erbfolge 1943-2026)
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026/2027
- Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2026", Düsseldorf 2026, S. 128
- Aya Soika, "Max Pechstein, Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, 1919-1954, Bd. II", München 2011, Nr. 1933/9
Mitte Mai 1933 reiste Pechstein, wie bereits in den Sommermonaten zuvor, nach Leba in Pommern (heute Łeba, Polen). Für Pechstein bedeutete das Jahr 1933 eine spürbare Zäsur: Zunehmende Anfeindungen und Vorwürfe machten den Alltag schwieriger und der Verkauf seiner Bilder wurde immer unwahrscheinlicher. Um trotzdem Geld für den Lebensunterhalt zu sichern und gleichzeitig neue Arbeiten zu schaffen, waren die Sommeraufenthalte in Pommern – unterstützt durch die Schwiegereltern – für ihn dringend notwendig. In seinem Werkstattbuch liest man im Eintrag vom 1. November 1933 von einem Werk betitelt „Abend am Lebaausfluss“.
In der spätsommerlichen Stimmung des frühen Abends, getragen von unterschiedlichen Blau- und Grüntönen, führt Pechstein den Blick vom Hafen aus über den Fluss Leba bis zu seiner Mündung in die Ostsee. Links liegen Fischkutter, rechts säumen kleine rote Fischerhütten das Ufer. Dazwischen treiben einzelne Boote, die vom Fang zurückkehren. Möwen ziehen über die Szene und am tiefen Horizont wachsen mächtige Wolkengebilde in den Himmel empor, die den sonst klaren, horizontalen Bildaufbau deutlich aufbrechen. Die Komposition wird von der breiten Wasserfläche bestimmt, die sich vom Vordergrund bis in die Ferne erstreckt und den Blick des Betrachters in die Bildtiefe lenkt. Charakteristisch für Pechsteins Malweise sind die vereinfachten Formen und die deutlich konturierten Flächen. Die Landschaft wird nicht naturalistisch wiedergegeben, sondern durch kräftige Farbkontraste und einen dynamischen Pinselstrich verdichtet. Das tiefe Blau des Himmels und des Wassers bestimmt die Stimmung des Bildes und wird durch die hellen Weißtöne der Wolken und Boote wirkungsvoll akzentuiert. Die rot-orangefarbenen Fischerhäuser am rechten Ufer setzen warme Farbakzente und beleben die ansonsten von kühlen Tönen dominierte Szenerie.
Im Laufe der Jahre wurde der Kutterhafen von Leba und sein Umfeld zu einem wiederkehrenden Motiv in Pechsteins Œuvre. Die Ostsee blieb für ihn ein Zufluchtsort: Von den 1920er Jahren bis Anfang der 1940er entstanden zahlreiche Darstellungen des Ortes. Das schlichte Leben an der Küste, die Landschaft, das Licht und die unberührte Natur lieferten ihm schon früh eine ergiebige Inspirationsquelle und zugleich ein Gegengewicht zum Leben in der Großstadt.